Aufsätze aus Unter- und Oberprima

Die letzten Schuljahre verbrachte Fritz Barnstorf am Martino-Katherineum in Braunschweig. Hier einige Aufsätze aus der Oberstufe.

11. 12. 1919

 Was muß der Deutsche von seinem Volkscharakter wissen?

Ein Dialog.

 Zimmer im Zwielicht eines Novembernachmittags. Die beiden Freunde Wolff und Heinz sehen durchs Fenster auf die Straße, auf der ein großes Gedränge herrscht. Ein Trupp halbwüchsiger Burschen zieht singend vorbei und trägt die brandrote Fahne vor sich her. Die Arbeitermarseillaise verklingt in der Ferne)

Wolf: (traurig und nachdenklich): Das ist das neue Deutschland: Fanatismus, Verleumdung, Ausbruch aller wilden Instinkte, wohin man blickt! Wie schwach hat sich das deutsche Volk in seiner schwersten Stunde gezeigt.

 Heinz: Nenne es nicht Schwäche des Volkes, sondern die natürlichen Folgen des Zusammenbruchs, den Deutschland gegenüber der feindlichen Welt erleiden mußte. Das deutsche Volk wurde von außen her zermürbt, nicht durch die zersetzende Arbeit innerer Kräfte.

Wolf: Bist auch du in den verderblichen, selbstzufriedenen Anschauungen nur zu weiter Kreise befangen, die in blinder Liebe über alle Fehler des eigenen Volkes sich hinwegtäuschen wollen, die den Splitter im Auge des Nächsten, aber nicht den Balken im eigenen bemerken. du verwechselst die Wirkung mit der Ursache. Wir haben den Zusammenbruch nicht nur den Feinden, sondern auch uns selbst zuzuschreiben und zwar haben wir ihn nur zum kleinen Teil auf das Schuldkonto bewußt zerstörend arbeitender Kräfte wie der Anarchisten zu setzen, sondern seine Ursache im Charakter unseres Volkes als ganzem zu suchen.

 Heinz: Dadurch würdest du aber den Zusammenbruch als etwas Unabänderliches, als Kismet auffassen, dem wir nicht entgehen konnten. Du wirst doch nicht bestreiten, daß der Krieg nur durch die Gehässigkeit unserer Gegner zustande kam.

Wolf: Nein, das tue ich nicht, aber ich habe ihn kommen sehen, da ich wie viele andere Männer sah, welche Blößen sich Deutschland gab in seinen Entschlüssen durch die unglücklichen Charaktereigenschaften gelenkt, und ich habe das nicht fatalistisch hingehen lassen, sondern in aufklärender Arbeit die Selbsterkenntnis zu mehren gesucht. Mit welchen Erfolgen – das siehst du eben unten auf der Straße.

 Heinz (zweifelnd): Kannst du aber auch unsere unglückliche Veranlagung nachweisen und mir sagen, worin wir gefehlt haben?

 Wolf: Solltest du so soweit in den eitlen allgemeinen Anschauungen über den deutschen Charakter befangen sein, das du nicht als Wurzel allen Übels, als Wurm im Holz der deutschen Eichen den Individualismus zu erkennen vermöchtest. Blick unbefangen hinein in die Blätter deutscher Geschichte, die soviel vom Nationalcharakter der Deutschen erzählen, und du wirst immer wieder feststellen können, daß unser Volk erst durch härteste Not zur Einheit geschweißt werden konnte. Soll ich dich erst an die große Zeit der Befreiungskriege erinnern und an die trostlose Zeit der Erniedrigung vorher. Nein, soviel Übersicht muß selbst der im falschesten Sinne Nationale, der Übernationale, besitzen, daß er auch für die Wahrheit von Ben Akibas Wort „Es ist alles schon einmal dagewesen“ findet, die auch auf unsere Jetztzeit angewendet werden kann. Der Satz des Aristoteles, daß der Mensch ein „Zoon politikon“ sei, gilt nicht für den Deutschen, oder vielmehr: Der Deutsche will den Satz nicht für sich gelten lassen. Er wehrt sich förmlich dagegen, von seiner eigenen subjektiven Meinung zugunsten der Allgemeinheit ein Opfer zu bringen, trotzdem er oft sehen kann, daß hier der einzige Ausweg aus aus der Not der Zeit ist.

Heinz: Gewiß, aber was am Einzelnen ein Vorzug ist, das wird dem Staate, dem Komplex der Individuen zum Verderben. Der schrankenlose Individualismus, den Tacitus in seiner Beschreibung Germaniens kennzeichnet: „Von den Deutschen will jeder sein eigener König sein.“, der Subjektivismus der im Philosophen Nietzsche seinen kräftigsten Ausdruck fand, wird im Staatsleben aus Eigenwilligkeit zur Eigenbrödelei, die sich nach außen hin zu den widerwärtigsten Ausflüssen der Parteipolitik verdichtet. Denn hat ein Deutscher einmal Gesinnungsgenossen gefunden, dann sucht er mit diesen zusammen sein Ideal durchzusetzen, obgleich darüber die Welt zugrunde gehe. So entsteht aus dem Egoismus des Einzelnen, der blindlings das Zusammengehörigkeitsgefühl durchbricht, die nationale, innere Zerrissenheit, die sich in ihrer mildesten Form in einem beschämenden Mangel an Nationalstolz kundtut. Nur diesem Mangel haben wir es zu verdanken, daß man unser Volk im Auslande als nicht vollwertig, gleichsam als eine Nation der Lakeien ansieht, denn man empfindet vom eigenen Standpunkt aus ??, ja Ekel vor den Verbeugungen, die der Deutsche fortwährend dem Auslande macht.

 Heinz: Nach deinen Ausführungen hätte der Deutsche dann bereits alle Fähigkeiten zur Betätigung einer kraftvoll-stolzen, willensstarken, zielsicheren Politik verloren.

 Wolf: Es freut mich, daß du diese verderblichste aller Wirkungen des Individualismus erkannt hast. Nun weiß ich mich einig mit dir darin, daß die Politik der Jahre seit Bismarks Abschied nur aus der Unfähigkeit des Volkes zur Politik zu erklären sind. Durch die Verfolgung seiner partikularistischen Interessen wird der Deutsche von der Beschäftigung mit sozialistischer , d. h. gesamtnationaler Politik ferngehalten und überläßt das Regieren denen, die gerade an der Spitze stehen. Je nachdem sie ihm seine Hoffnungen erfüllen oder täuschen, ist er mit ihnen zufrieden oder sucht sie zu beseitigen, und bei dieser Einstellung seiner geistigen Sehorgane auf die nächste Nähe wird er allmählich kurzsichtig für die Umgebung der Welt. Geht nun diese Verkümmerung seiner politischen Begabung durch Jahrhunderte ungehindert fort, dann wird man begreifen, daß ein ganzes Volk aus solchen Männern schließlich unfähig ist, seine eigenen Geschicke zu bestimmen, und sein Heil darin sehen muß, sein Steuer solchen Leuten anzuvertrauen, die noch den scharfen Blick für die Außenwelt haben.

 Heinz (unwillig): Nach dem, was du sagst, muß man glauben, daß aus der Wurzel des Individualismus keine besseren Reiser wachsen können als Eigennutz, Egoismus und Zwietracht. Willst du aber auch die Eigenschaften der Tapferkeit, des Edelmuts den Deutschen nehmen, für die der vergangene Krieg der beste Zeuge ist?

Wolf: In dir sehe ich mein ganzes Volk in seiner unglücklichen Täuschung über sich selbst, und so halte ich dir zunächst die trüben Bilder vor, damit du lernst, mit umso größerer Freude die schönen zu betrachten. Gewiß treibt manch edle Blüte aus dem Individualismus und als schönste der Drang nach Freiheit, der den Deutschen eingeboren ist. Überall ist er zu spüren. Im Ewigkeitszug unserer Geschichte wirst du die Helden der Freiheit finden, im Ringen unserer Wissenschaft, der vielseitigsten, gründlichsten auf Erden, mit der Natur offenbart sich das Unabhängigkeitsbedürfnis,in den gewaltigen, ernsten Gebäuden unserer Philosophie sind dem faustischen Erkenntnisdrang Denkmäler errichtet, auf einer Freiheitssehnsucht, die sich aus dumpf gefühlten Abhängigkeiten zur lichten Lehre der Selbstbestimmung des Ich hochringt.

 Heinz: Jawohl, und das aus dem glühenden Eifer des Deutschen, seine eigene Freiheit zu wahren, entsteht dann der unbezwinglich einherstürmende Kampfesmut, die aufopfernde Tapferkeit, mit der er seine hohen Güter verteidigt, der ganze erhaben-schreckliche furor teutonicus.

Wolf: Neben den begeisterten, stürmischen Vorkämpfern für die eine erhabene Idee findet man aber auch in unserer Geistesgeschichte Männer, die in zäher, unermüdlicher Arbeit langsam, Fuß für Fuß Land erobernd vorrücken. Das sind die zielsicheren Idealisten, die für ihre Gedanken in unserem Volk stets fruchtbaren Boden finden werden, denn es ist ein idealistisches Volk! In der Nation, die einen Luther und eine Goethe aufzuweisen hat, steckt eine wunderbare Kraft, die die unausgesprochenen, nur geahnten Wahrheiten und Ideen der Welt in sich zu verarbeiten, zu gestalten und dann in klarster Schönheit zu formulieren vermag. Diese Kraft hat uns zum Volk der Dichter und Denker gemacht. Nicht nur aus dem deutschen Herzen selbst quellen die Gedanken, sondern oft werden sie auch in anderen Völkern zum Wort, und von daher sucht nun der Deutsche sie zu übernehmen. Daher stammt das tiefe Verständnis des Deutschen für ausländische Geistesschätze, die er zu genießen sucht, daher stammt auch sein Trieb, auf weiten Fahrten in sich aufzunehmen zu nehmen, was die Welt ihm bieten kann, daher sein Drang in die Ferne.

Heinz (freudig): Ja, das ist das Deutschland, das ich liebe. Das ist das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen soll.

 Wolf (ruft): Das ist ein viel mißbrauchtes, überhebliches Wort und doch schönes Wort. Du siehst wieder zuviel Licht und vergißt darüber den Schatten. Sieh wiederum in die klaren, nackten Tatsache der Geschichte. Da wurde oft aus dem dankbaren Genießen internationaler Geistesschätze eine kritiklose Empfänglichkeit für alles Fremde. Das schlechteste Ausländische galt mehr als das beste Heimische. Blick hinein in das Volk und du wirst es durchseucht finden von diesem Übel, das wieder Mangel an Nationalstolz zeigt. Sich auf dem Gebiet der Politik dem Götzen des Kosmopolitismus, des Internationalismus, dem zu allen Zeiten die besten unseres Volkes geopfert haben und der ein ganzes Volk als grause Hekatombe fraß. Dank an die fremde Idee des Bolschewismus, die wie die Pest in unserem Volk wütet, … schwer Lesbares…

Vertrauensseligkeit und Gefühlsduselei, um nicht zu sagen: Dummheit, sind die Schwestern dieses Idealismus , der die Deutschen regiert.

 Heinz (resigniert): Du hast mir mein schönes Bild von dem stolzen, starken Weibe Germania zerstört, aber ich sehe nun, daß du es mußtest, damit ich dahinter die Wirklichkeit erblicke.

Wolf (warm): Du wirst es mir danken, denn nur durch Erkenntnis dessen, was zerbrochen, was baufällig, was gefährlich ist, erlangst du Kraft zur Beseitigung der Schäden. O, käme die Erkenntnisstunde auch für die Deutschen in ihrer Gesamtheit, denn ihnen ist unter den entsetzlichsten Verhältnissen ihr Schicksal in die Hände gelegt. Die Zeit ist da, wo der deutsche Mann seinen Nationalcharakter kennen lernen muß , denn es gilt in eiserner Selbstzucht anzukämpfen gegen das Haltlose, Faule im deutschen Wesen. Ich habe dein Bild zerstört, weil ich zerstören mußte, um aufbauen zu können, ich habe das Schlechte in grelle Beleuchtung gerückt, um dir den Einsturz drohenden Riß im Gebäude zu zeigen, ich habe verneint, um bejahen zu können. Und ich darf bejahen! Unser Herz ist gesund, unsere Sitten sind krank. Prüfen wir nur ein wenig mit dem Verstand unsere Gefühle, werden wir etwas materialistischer, zerdrücken wir den ringelnden Wurm der Zwietracht mit eiserner Faust, dann wird unser Vaterland auferstehen vom Individualismus zu echten, segenbringenden Sozialismus, vom unklaren Kosmopolitismus zu kräftigenden, rechten Nationalismus. Daß wir unser völkisches Ich immer durch eine rosarote Brille gesehen haben, daß wir in eitler Überhebung uns selbst idealisierten, das ist es, was der Deutsche von seinem Volkscharakter wissen muß!

(Es ist dunkel geworden. Die Freunde stehen noch am Fenster und sehen in den Nachthimmel hinein. In einer Lücke der jagenden Wolken steht leuchtend klar ein Stern. Schweigend hebt Wolf die Hand, deutet hoffnungsvoll und ruhig auf das Licht in der Finsternis und und sieht Heinz lange in die Augen.)

13. 3. 1920

 Welche Bedeutung hat Schillers Wort: „Der Starke ist am mächtigsten allein“ , auf Deutschland angewendet, im Weltkrieg erfahren?

 Einteilung:

A. Einleitung

I. Zitate werden meist in mißverstehender Weise verallgemeinert.

 II. Das angeführte Wort ist durch dramatische Situation bedingt und ist bei der geforderten Anwendung stark einzuschränken oder widerlegt.

 B. Hauptteil

I. Deutschland ohne Diplomaten sucht den verkehrten Anschluß an Österreich und Italien.

 II. Der Krieg nach vier Fronten

a) Die Bundesgenossen als Hilfe

b) als Hindernis

c) der Sieg der Übermacht

III. Schluß und eigentliche Anwendung

 Obwohl sich Schiller sich selbst das Urteil schrieb: „Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“, ist er der Dichter des Volkes geworden, oft nur halb von seinen blinden Bewunderern verstanden wie jeder Volksdichter, aber dem deutschen Volke so beliebt in seiner Verkörperung des Idealismus und des Individualismus. Man pflückt aus seinen Werken die überreichlich eingesprengten Sentenzen und ethischen Sprüchlein heraus, und wenn man in irgendeiner Lage eine passende Bemerkung machen will, so wirft man sie ein mit dem Zusatz „… Sagt Schiller“, manchmal auch, wenn es gerade Schiller nicht sagte. Daß durch diese sogenannte Nutzanwendung die Sätze oft eine sinnentstellende Verallgemeinerung erfahren, ist ohne weiteres klar. Zitate wollen aus der Mitte des Dramas heraus, aus dramatischen Vorgängen erklärt werden, denn sie sind untrennbare Bestandteile des Dialogs. Leider kann aber auch ein falsch angewandtes Zitat wie ein unbedachtes Wort Ursache großen Unheils werden, wenn sich jemand die Lehre seiner Nutzung so zu Herzen nimmt, daß er all seine Taten danach einstellt und dann auf unüberwindbare praktische Widersprüche stößt. Selbstverständlich kann man nicht behaupten, daß das Schiller Wort „Der Starke ist am mächtigsten allein“ unser Unglück verschuldete, aber jedenfalls hat seine phrasenhafte Anwendung auf unsere Außenpolitik leisen (?) Einfluß geübt. Dieser starke Ausdruck seines echt deutschen Individualismus ist am kennzeichnendsten für die überselbstbewußte, fast leichtsinnige Art unseres Volkes , daß ein Krieg nötig war, um uns die wahre Bedeutung des Ausspruchs klar zu machen, ist allerdings ein unverdientes Unglück, das uns zwingt, auch von der Gegenbedeutung: „Im Bunde mit anderen liegt die Hoffnung auf Sieg“ bis auf die Mitte zwischen beiden Polen zurückzugehen. Vor allem will das Wort, gesprochen in dieser dramatischen Szene des „Tell“, sagen, daß bei der Ausführung seiner kühnen Tat den Wagenden Rücksichten auf Freunde und Mitkämpfer nur hemmen, nicht ihm helfen. Das trifft im „Tell“ auch zu, aber der Spruch vergißt, für das Leben zu sagen: Wenn nicht der Gegner zu stark ist, das ??? des einzelnen Menschen ???. Das ist eine Einschränkung, die schon beim Individuum zutrifft, wieviel eher muß sie für ein Volk Gültigkeit haben, das seine Vollkraft nur durch festen, unlösbaren Zusammenschluß aller Individuen erreicht. Eine Eiche, allein auf kahler Fläche, ist machtlos gegen den Sturm, eingereiht in die sich festigende Masse des Waldes aber gesichert gegen seine Wildheit. Vor allem aber muß die Vorbedingung erfüllt sein: der Baum muß stark, gesund bis ins Mark, lebenskräftig sein. War unser Volk das? Eine Betrachtung über den deutschen Nationalcharakter hat uns als innere Hemmungen von Deutschlands Dasein den kurzen Bestand einer begeisterten Einigkeit, den Individualismus und die Unfähigkeit zur Politik gezeigt. Deutschlands Rüstung war lückenlos gefügt, Heer und Flotte überboten alle anderen, aber Michel war der tumbe Held, der reine Tor und ging ahnungslos in sein Verderben. Zwar merkte er, daß man etwas gegen ihn plante, aber er wählte die falsche Abwehrmaßregel. Statt sich den östlichen Riesen als Freund zu erhalten, biederte er sich allzu eng mit dem innerlich uneinigen Oestereich und dem undankbaren Italien an, ohne sichere Garantien für eine hilfreiche, nutzbringende Unterstützung zu haben. Dann brach der Sturm los. Der eine der drei Bäume des Hügels duckte sich und ließ das Wetter über sich hinweg fegen. Die beiden anderen standen trotzig rauschend und stützten sich. Ohne Zweifel wäre Deutsch-Schlesien ohne Österreichs Hilfe von den Russen überflutet worden, und das wurde ihm nimmer vergessen. Die Stammesbrüder standen getreu sich zur Seite gegen den gemeinsamen Feind. Bald aber vergaß der eine Bruder, daß der andere nur den Krieg begonnen, um ihm zu helfen, das viele fremdgemischte Blut in seinem Körper machte ihn schwach und krank. Deutschlands Kräfte mußten sich verdoppeln und sie verdoppelten. Aber in gleichem Maße wuchs die Macht des Feindes, der Mauern um Mutter Germania baute. Was bedeutete der Eintritt der Türkei und Bulgariens in den Weltkrieg? Eine große weitere Zersplitterung der Heere, des Materials und des Geldes. Türkische Truppen konnten nur von deutschen Offizieren zum Siege geführt werden. Deutschlands Kräfte mußten sich vervierfachen und sie vervierfachten sich. Aber auch der Hunger wuchs in gleichem Maße. Allen Mitteln, die dem skrupellosen Feinde zur Verfügung standen, konnte Deutschland nicht mit gleichen Mitteln begegnen, die Waffen waren nicht mehr gleich. Wo es aber parieren konnte, da schreckte es in falscher Rechtlichkeit vor dem vergifteten Degen zurück, es nahm alle Streiche gleichsam wehrlos hin. Immer rasender wurde gearbeitet, das ganze Land war eine donnernde Hölle der Arbeit, man schraubte die Leistungen zu höchsten Rekorden hinauf. Mann schaffte nicht für sich, sondern für jene bittenden, machtlosen Freunde und achtete nicht, wie Gift langsam in die Blutbahnen des Volkskörpers spritzte, man lächelte über den knurrenden Magen. Dann, auf einmal wurde die Zermürbung durch Abbröckeln ganzer Schichten sichtbar. Der Hunger warf seine Brandfackel ins Gebälk, die überhitzte Maschine barst, und in Flammen ging das Gebäude auf. Die Übermacht hatte gesiegt, nicht weil Deutschland Bundesgenossen hatte, sondern weil es die falschen Bundesgenossen hatte und weil es verschmäht hatte, sich die feindliche Taktik zu eigen zu machen. Nach alledem ergibt sich, daß Schillers Wort, auf unser Volk im Kriege angewandt, unmöglich gültig sein kann und daß man seinen engen Rahmen übermäßig dehnen und verschieben muß, um das traurige Bild vom kämpfenden und sterbenden Michel hinein passen zu können. Die Bedeutung des Zitats läßt sich dann etwa formulieren: Ein physisch und moralisch starkes Volk ist am mächtigsten nicht allein, sondern im Kreise zuverlässiger, geeigneter Bundesgenossen und es kann auch nur dann hoffen, allen Angriffen standzuhalten, wenn die Zahl der Gegner seinen Kräften angemessen bleibt und wenn ihm zur Verteidigung die gleichen Waffen zur Verfügung stehen wie jenen zum Ansturm. Uns, die wir jetzt nur die Hoffnung auf ein „Aufwärts“ nähren können, möge dieser Sinn einer dramatischen Phrase tief ins Herz gelegt werden, auf daß wir dereinst mehr durch diese Wahrheit unsere Taten lenken lassen, als wir es getan haben.

14. 5. 1920

 Freunde, treibt nur alles mit Ernst und Liebe, die beiden stehen dem Deutschen so schön, den ach so vieles entstellt (Goethe)

Goethes Mahnsprüche haben nie heißblütig Reformatorisches in sich, sondern tun dem deutschen und irdischen Volke das, was die sanfte Hand des Gärtners dem Baum zur Veredlung tut. Goethe war König und Kärrner zugleich, Fürst des Lebens, der Dichtung, und stiller Arbeiter, der in unermüdlichem Fleiß das schaffte, was heute die lange Bändereihe seiner wissenschaftlichen und philosophischen Schriften bildet. So hat er zutiefst erlebt, was ihn beglückte, den Segen der Arbeit, und allen seinen Freunden, den innerlich regsamen Naturen den Weg gewiesen, der zu gleichem Sonnenziel führt.

Arbeit ist die heilige Aufgabe, die die Menschheit seit dem Zwiespalt von Geist und Körper, seit dem „Sündenfall“ stets neu gestellt bekommt und die vom Individuum so verschieden gut und schlecht gelöst wird. Wer diese Prüfungsaufgabe als Fluch betrachtet, der schwitzt (?) mit verdrossener Wut darüber und stöhnt, bis ihn die Schule des Lebens in stillere Ferien entläßt. Das sind zwei Vierteile der Gattung „Mensch“, die so vegetieren zwischen Lust und Verzweiflung. Ein Vierteil aber bilden die sogen. Epikureer (wie sie sich vielleicht heimlich nennen). Die gleichen ihren klagenden Brüdern nur in der Unfähigkeit, Zweck und Ziel ihres Daseins zu erkennen. Sie haben zuweilen Freude am Schaffen, vollbrachte Werke ihrer Hände zu sehen, kitzelt ihren Ehrgeiz, und so naschen sie hier und da herum, ohne ganz die Seele drein zu setzen. Alle zusammen aber

sind freudig bewegt, wenn der klingende Lohn ihrer Arbeit ihnen in die Taschen rollt. Dann kennen sie ihre schöne Aufgabe: Im Zentrum der Welt stehend, möglichst viel Geldströme zu sich zu lenken und dem sacro egoismo Tempel zu bauen.

Mit Ernst und Liebe arbeiten, aber heißt sich unter- und einordnen in eine große Idee, die den Namen „Weltentwicklung“ trägt. Was du tust, das tue so, daß dein Blick nur auf das Ziel gerichtet ist, dahin du auf Schwingen der Arbeit eilst, und alle Ablenkung laß für solche Augenblicke der Beschäftigung in Luft zerfließen. Wenn du dich der Sache ganz ergibst, dann bist du mit Ernst am Schaffen. Doch so rein egoistische Zwecke mit völliger Hingabe an die Absicht erfüllt und erreicht werden. Denn was ist‘s nütze, daß ich mir selbst diene und hätte der Liebe nicht? Der Blick soll sich weiten und umfassen die ewige Gemeinschaft, die man Volk und Menschheit nennt. Was dort geschehen soll Gutem und Förderlichen, hat erst beim Einzelnen zu geschehen, und die Summe solcher Tätigkeiten ist: Weltentwicklung. Diese große anschwellende Woge wird dann auch dem Einzelnen mit emporheben, dem Himmel näher, und so ist Liebe zur Allgemeinheit letzten Endes auch eine Liebe zu sich selbst.

Nur so kann Arbeit wirklich heilig werden: Nach Überwindung niederer selbstischer Triebe setzt du dich ihr gegenüber wie einem Freunde, dem du in ernstem und liebevollen Gespräch edelsten Gedankenreichtum abkaufst durch seelische Hingabe an die wohltuende Befriedigung die er schenkt. - Doch Goethe wendet sich mit herzlicher Mahnung nicht nur an engsten Freundeskreis, sondern sein Wort will Deutschland veredel. „ Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun „ sagt Richard Wagner, aber es ar mehr eine Sehnsucht, als eine Feststellung, die in dem Satz lag. Wenn er schon damals Unrecht hatte, wie würde die heutige Welt ihm erscheinen! Die faulige Ichsucht mit ihren krebsartigen Wucherungen, die heute Deutschlands Herzen verwüstet, ist selbstverständlich nur eine letzte Konsequenz aus dem himmelschreienden Wahnsinn des europäischen Krieges, aber daß ein günstiger Nährboden für die Bazillen vorhanden war, wer möchte das leugnen. Was je und je den Deutschen entstellte und Goethes Mahnung notwendig machte, war ein falscher Ernst, der in einmal gefaßten Meinungen immer tiefer hineintrieb und schließlich zur unfruchtbaren Bequemlichkeit, die in latenter Spießbürgerlichkeit und Kurzsichtigkeit, alle Probleme an sich heran kommen ließ, sie dann aber mit fast peinlicher Gründlichkeit zergliederte und verdaute. Nörgelsucht und des Kritikasterei hemmten ebenfalls ein „Treiben mit Liebe“, und wenn man alle die politischen Charakterübel dazu tut, die in einem früheren Aufsatz dargestellt wurden, so ergibt sich ein Bild des deutschen Durchschnittsbürgers, der mehr der oben erwähnten Kategorie des Unlustigen, als dem des Goetheschen Idealtypus ähnelt. Trotz alle dem ist Grund zur Verzweiflung an der Entwicklung der Welt nicht vorhanden, wenn auch nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern ebenfalls, diese Durchschnittsmenschen die Masse bilden. Denn die reine Erkenntnis, daß eine Tat mit Ernst und Liebe mehr fördert und nützt, als eine Arbeit gegen Lohn, wird immer nur von Menschen gewürdigt und in die Wirklichkeit umgesetzt werden können, die geistig und herzlich über der misera plebs stehen. Zu allen Zeiten gab es Überwinder des Egoismus und Priester der Idee. Selbst in unseren Zeiten tragen einige die Fackeln schöner Liebe zu ehrlicher Überzeugung, und auch unter politischen Gegnern möge man nie vergessen, das für Irrtümer entschuldigt wird, wer eine Sache um ihrer selbst willen tut. Ernst Toller, Friedrich Naumann u.v.a. sind Beispiele dafür.

Aber wenn auch Goethes Spruch nicht für die Vielzuvielen gelten kann, er veredelt dennoch deutsche Art dadurch, daß er leuchtende Vorbilder schaffen kann, die jedem zur Nachfolge in Bezirke edelster Menschlichkeit Mut und Kraft schenken können. Faustisch nie gestillt bleibt stets irdisches Sehnen, Wege zum Licht führen durch Tränen, und ewige Sterne blühen in Ferne, aber „wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!“

Lehrerkommentar:

Es ist bedauerlich, daß B. sich nicht noch mehr in das Thema vertieft hat, die Ausführungen sind an sich richtig, es hätte aber noch viel mehr herausgestellt werden können.

II-

Fragment, Schluss eines Hausaufsatzes vom November 1920 mit unbekanntem Titel:

 ..

Es gab eine Zeit, da nahmen wir gleichgültig, denn es war keine Not an allem, an Brot und Freude. Wir nahmen und glaubten, unsere Pflicht sei nur Nehmen, was andere geben. Es wurde anders. Jetzt müssen wir geben von unserem ärmlichen Vorrat an Freude und Mut, geben den Älteren von uns, die ihren Lebensmut opferten auf dem blutigen Felde da draußen. Ihre leuchtenden Augen sind stumpf und verzweifelt geworden, seit sie wissen, wie der Mensch den Menschen behandeln kann. Millionen Leiber verwesen, aber die Millionen geopferter Seelen wiegen die grause Hekatombe auf, ein tränenvoller „ver sacrum“

Meine Brüder, eure Augen haben mehr gesehen vom Haß als wir Jüngeren uns denken können. Wir verstehen euer bitteres Zucken um den Mund, eure verächtlichen Blicke, eure Worte: „Von Geist haben wir da draußen nichts gesehen, da war nur der plumpe Leib“. Es gibt nur den Leib, die Seele ist lange tot. Geistiger Genuß? Unsinn, der Körper soll doppelt genießen, was er entbehren mußte. Eure Gier nach Vergnügen, das künstliche Stimulans des Lebensmutes begreife ich. Was aber wird aus der Menschheit, wenn wir, die Erben des goldenen Balles, nicht den Geist erneuern, den der Leib zertrat?

Wir sollen Leben schaffen, darum müssen wir das Leben lieben. Unsere älteren Brüder mußten damit spielen und haben es lieben gelernt. Aber sie freuen sich seiner nicht, denn es wurde leer und schal. Wir müssen es voll und reich schaffen, bis wir durch den widrigen Lärm der Zeit das süße Weltlied wieder hören, das von der Schönheit alles Bestehenden singt, bis wir die Heiligtümer der Vergangenheit rein erblicken vom Schmutz seiner Haß berauschten (?) Generation und im fallenden Nebel die Heiligtümer der neuen Zeit leuchtend erstrahlen.

Lebensfreude ist Freude an der Welt, Liebe zur Natur, Liebe zu den Menschen. Ihr lacht, meine älteren Brüder, denn ein neuer Jesus von Nazareth würde euch eine Ironie der Zeit dünken. Ich weiß: viele wandern den Weg, der leicht und bequem ist. Aber er wird in die Einsamkeit führen.!

Ich frage euch alle, die ihr euch Jugend nennt und nicht Jugendgruppe, ob aus Haß und Fanatismus je eine Freude erblühen kann und ob auf dem „Boden der Partei die Lebensfreude gedeihen kann. Ihr seid den falschen Weg gegangen!

Liebe zur Welt und zu den Menschen ist unsere Pflicht, denn unsere Pflicht ist, eine neue Welt zu schaffen. Ihr werdet kämpfen müssen, nicht wie jene unglücklichen anderen, an denen der goldene Ball vorbeiflog, mit Maschinengewehr und Handgranate wider einen unbekannten Menschen, sondern mit ebensoviel Mut und Willen gegen einen bekannten Menschen, der in euch steckt und Schreit: „Nächstenliebe ist Feigheit und unnatürlich, denn der Kampf ums Dasein lehrt es anders!“

Ich frage euch alle, die ihr euch Jugend nennt, ob je eine Freude ohne Kampf und Gewissensnot sich gewinnen ließ. Wir Jungen hatten stets zu kämpfen, ehe wir uns zu dem glücklich-erstaunten „Ja“ eines Lebensfreudigen durchrangen. Ihr Jasager, denkt an jene zweifelnden Gewissensnöte, an Ekel, Scham, Reue und Verzweiflung, an Weltleid und Selbstanklage, bis wir die göttliche Ordnung zu erkennen glaubten und es Weltanschauung nannten. War die erkämpfte Sicherheit nicht Freude (?)? Die Welt lieben lernen, ist das schwer? Wo jeder blühende Baum euch predigt den ewigen Willen zur Entwicklung und die heilige Ordnung aller, das findet ihr eingepreßt in weisheitsschweren (?) Büchern. Wenn ihr die Stimme des Waldes und seiner Bewohner nicht deuten könnt, - nicht jeder hat so feine Ohren – dann laßt die Wissenschaft eurem Verstande verkünden, was das Herz zum Gefühl einer freudigen Ruhe ummünzen wird: die Reinheit und sinnvolle Schönheit der Welt, die sich solange erhält, als ihr nicht mit Haß zu ihr kommt. Ein Glied zu sein in dieser Kette,die da vor unseren Augen abrollt, welch hohes Gefühl Zugehörigkeit zu allem Lebendem, welch freudiges Bewußtwerden aller Pflichten gegen die anderen Glieder, was für ein zwingender Grund zur Demut und zur Pflichterfüllung auf angewiesenem Posten! Das ist die Lebensfreude, die Weisheit sammelt, um Weisheit wieder zu spenden.

Den Menschen lieben lernen! Ja, es ist schwer! Aber wenn ihr die Natur lieben lernt, dann könnt ihr auch ihn verstehen und begreifen. Ihr werdet ihm viel zu verzeihen haben, denn sein Wahn, Mittelpunkt der Welt zu sein, hat ihn zum bösen Haß verführt. Wenn ihr ihn aber nicht begreifen könnt, dann sollt ihr ihn wenigstens nicht hassen. Schenkt weiter,was ihr nicht behalten dürft: Erworbene Weisheit, - und ein wenig Vertrauen. Goethe sagt: Selig wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt …!

Zwei Wege sind möglich, zum Herzen der Welt zu finden, wo die Quelle der Lebensfreude zu strömen beginnt: Der eine: inbrünstig sich der Welt ergeben, sie ergründen in Sturm und Stille, Güte und scheinbarer Grausamkeit. Hinfahren, hinfliegen über die Erde wie einehohe weiße Wolke, schauend, beobachtend und alles in sich aufsaugend. Einst wird dann der warme Regen die Erde segnen und das dürre Land erquicken Das ist für die stürmischen, die sich herumschlagen wollen mit allen Brünsten zwischen Gott und Tier (Richard Dehmel)

Der andere: Still sammeln, was herbeiströmt, Weisheiten, Wahrheiten, Schönheiten, ein stilles Waldwasser, gelassen und einsam bleiben und nicht wehren, wenn Menschen kommen, ihren Durst zu stillen. Geben ist Freude. Erquicken ist Glück! Das ist für die Stillen im Lande, von denen wir zu wenig haben

Dem Wandernden, Reisenden, der die Menschenwege befährt und die große Vielgestaltigkeit erkennen lernt, dem gibt sich die Lebensfreude wie eine Blume, die man am Wegrand bricht. Er sieht die Wunderwerke der Arbeit, Maschinen, in denen die gebändigte Kraft des Alls zuckt und schwingt, sich das brausende Schaffen am Webstuhl der Zeit und läßt sich freudig mitreißen vom gewaltigen Strom der Willensenergie, die jede Arbeit belebt. Die Technik, unsere größte Leistung, steigert den Lebenswillen zu einer jauchzenden Bezwingerfreude. Hinaus ihr Jungen, in unsere riesigen Stahlwerke und Werkstätten oder hinaus in die Laboratorien der Forscher. Das sind Stätten der Lebensfreude, weil es Stätten der Arbeit sind. Wenn ihr wahre Jugend seid, wird euer Herz dabei nicht zu darben brauchen. Nicht um Gewinnes willen, der in schmutzigen Marktschreiern besteht, sondern um des schönsten Gewinnes willen, um Lebensmut zu bekommen, sollten wir ein Jahr lang hinauswandern müssen in die Fabriken und großen Werke. Wir würden kraftvoller zurückkehre. Unsere Jugendbewegung hat die Forderung verwirklicht: In die Natur, in Wald und Gebirge! Ich möchte die Forderung Tat werden lassen: In die Arbeit, zu euren dienenden Brüdern, den Arbeitern, die ihr nie verstehen werdet, wenn ihr nicht gelebt habt wie sie.

Liebe zum Menschen lehrt euch auch die Kunst, das Reich des Herzens. Sie dient nicht nur einem sehnsüchtigen Verlangen des gequälten Menschen nach Erquickung, sondern sie führt den Suchenden in das wachrüttelnde Getriebe von Glück und Schmerz. Das Herz wird wach und erkennt in Glück und Schmerz die heilige Bestimmung des Lebens. Kunst schafft Widerstände gegen Haß und Neid irrender Mitmenschen und erfüllt so die Forderung, die an uns Jungen gerichtet wird: Lebensfreude zu schaffen, um eine neue Welt schaffen zu können.

O könnte ich vor euch alle hintreten, meine Altersgenossen, euch zu sagen, daß viel von euch irren. Ich weiß, viel Nebel ist auch auf meinem Wege. Wer von uns könnte klar sehen? Aber das erkennt der Blindeste: Lebensfreude sucht man nicht auf Tanzböden oder in Parteijugendferien, sondern im Kampf mit sich selbst findet man den Mut zur Bejahung der Welt und der Menschheit und der köstlichsten aller Güter: des Lebens. Weltliebe und Menschenverstehen fordert unser Beruf als Erneuerer der zerstörten Menschheit. Geben und Schenken des Gesammelten steigert die Freude am Besitz des Erkannten. Arbeit am anderen Menschen läutert das eigene Ich!

 9. 5. 1921

 Wie ehren wir unsere großen Männer am besten?

Keinem halbwegs kulturgeschichtlich Gebildeten unserer Zeit wird es verborgen bleiben, daß in der heutigen Kultur das alte Entwicklungsgesetz sich schmerzlich fühlbar macht: daß keine neue Weltanschauung sich zu allgemeiner Geltung durchsetzen kann, ohne die alte als Trümmerfeld von Idealen und Vorstellungen zurückzulassen, daß die Umwertung aller Werte soweit sie möglich ist, stets der vorausgehenden Chaotisierung als ?? bedarf. In keiner anderen Erscheinung prägt sich der innere Gehalt unseres jungen Jahrhunderts deutlicher aus als in den physikalischen und philosophischen Systemen, die man Relativismus bezeichnet. Die Formlosigkeit, der alle Maßstäbe zur Einrichtung ihres äußeren und inneren Lebens fehlen und die sich deshalb einem dumpfen Pessimismus ergiebt, hat vermöge der Dehnbarkeit aller ethischen Begriffe bereits Gebiete der menschlichen Seele ergriffen, die man vor ihr gesichert glaubte. Nur aus diesem Grunde erklärt sich der Mangel an Ehrfurcht oder Achtung vor dem Werk und der Persönlichkeit großer Männer, die einer Anderen Zeit als der unseren angehören.Wenn man die Allgemeingültigkeit von Werturteilen leugnet, so muß man auch die Bedeutung dieser Männer bestreiten, die eben relativ groß waren d.h. einer bestimmten Zeit groß erschienen. Sicherlich hat man Recht damit bei mancher Persönlichkeit, deren Name nur noch deshalb bekannt ist, weil Unverstand und Kurzsichtigkeit seinen Ruf weitergetragen haben, weil sich zur rechten Zeit die Reklame für ihn einsetzte. Nur beachten jene Zweifler nicht, daß die Bedeutung eines wirklich großen Menschen nicht in seinen Beziehungen zu seinen Zeitverhältnissen liegt, sondern seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen. Es ist nicht Größe, seiner Zeit ein billiges Verkehrsmittel geschenkt zu haben. Eine Erfindung, ein Bauwerk hat relative Bedeutung. Größe und Würde wir empfunden vom menschlichen Herzen wie ein stiller Zauber. Wer diesen Zauber auszuüben weiß, gehört zu denen, deren Bedeutung unvergänglich ist, weil sie in dem allgemein Menschlichen wurzelt. Solange Kultur von Menschen getragen wird, können sich wohl die Lebensverhältnisse ändern, deren Zielen der Alltag ist, aber das Menschenherz ist zeitlos, empfänglich und bedürftig der Segnungen hoher Geister. Freilich ändert sich dann die Stärke der Dankesempfindung, mit der wir auf solche Eindrücke antworten, denn es ist immerhin ein Unterschied, ob wir das allgemein Menschliche in Männern entfernter Zonen und Zeiten wie Buddha, Lao-Tse oder Zarduscht (Zaratustra) aufsuchen oder in solchen, die uns zeitlich und räumlich näher stehen und durch gemeinsame Lebensformen mit uns verbunden sind. Auch werden abgesehen von diesen Störungen der reinsten Wirkung, die notwendiger weise aus der Verschiedenheit ganzer Kulturkreise entstehen müssen, sich Unterschiede in der Bewertung der großen Persönlichkeiten aus dem Charakter, der Gesinnung, dem Temperament der einzelnen Betrachter ergeben, aber stets wird die befreiende Wirkung hinter all diesen Nebensächlichkeiten fühlbar bleiben, daß hier ein Mensch vom ‚Reichtum seiner Seele an seine Mitmenschen verspendet. Das natürliche Gefühl des Dankes gegen den Geber regt sich triebhaft. Hinein mischt sich Stolz, daß jener auch nur Mensch und aus sterblichem Geschlechte war, der so unirdische Genüsse vermittelte. Der Willen, am stolzen Bauwerk einer wahren Menschheit mitzuhelfen, erwacht in uns. Gerade dies Gefühl der Verwandtschaft mit dem bewunderten Vorbild sollte uns stets in jener stillen, inneren Freude erhalten, die Vorbedingung zum richtigen Danksagen ist. Dank oder Ehrung eines anderen ist kein Tribut, den man schuldet, sondern freiwillig dargebrachte Gabe. Wer Beschenktwerden für eine demütigende Aufforderung zu Sichbeugen auffaßt, der wird in selbstgewählter Einsamkeit dahinleben und wer Gabenehmen für sein Privileg hält, dem wird der Segen der Gaben ?? . So bleibt die schöne Dankbarkeit nur jenen wahrhaft Verständigem vorbehalten, die um die Größe einiger Edelmenschen wissen, die das Zeitlose von den Schlacken der Vorurteile zu reinigen verstehen und freiwillig dem guten Drange ihres Herzens nachgeben.

Aber wie wenige haben Sinn für Größe! Die große Menge hat von allen jenen Fehlern und Vorzügen nichts. Ihr gibt relative gleichviel wie absolute Größe , Dank und Undank ebenwertig jenen Persönlichkeiten gegenüber. Sie ist blind und interesselos, solange einer Figur in der Kulturgeschichte jene bengalische Beleuchtung fehlt, die sie von Jahrmärkten oder Sensationsfilmen kennt. Der Akrobat gilt ihr mehr als der Dichter. So droht jedem über diesen Reklamelärm erhabenen Menschen, sei es Erzieher, Künstler, Politiker oder Gelehrter die Gefahr, nicht einmal als relativ bedeutend von seiner Zeit erkannt zu werden, sondern unbarmherzig in das Dunkel von der Masse gestoßen zu werden mit allen Ideen und der stillen Menschlichkeit. Ein überirdisch verklärtes Symbol für alle diese Verkannten, auch die, die unter uns leben ohne durch große Werke hervorgetreten aus ihrem engen Kreise, ragt über die Geschichte empor und mahnt selbst die Gleichgültigen, das ist jener große Mensch, den man zum Gott erklärte um seines unschuldigen Todes auf Golgatha willen. Viele haben seitdem seine Wundmale getragen, die kleiner waren als er, aber ebenso leiden mußten; viel tragen heute erlauchte Namen, weil die Kinder die Sünden ihrer Väter tilgen wollten: Giardano Bruno, Heinrich Kleist, Georg Büchner u.v.a. Sollte uns angesichts dieser jammervollen Lebensgänge nicht die Erkenntnis kommen, daß soviel Geistesgut eine sinnlose Verschwendung wäre, wenn wir es nicht als heiliges Vermächtnis ansehen und hüten.

Wie ehrt unsere Zeit die großen Männer? Man glaubt eine gute Absicht mit einer alltäglichen Zweckmäßigkeit verbinden zu können, indem man neue Straßen nach Denkern und Dichtern seines Volkes benannte, indem man Musikwochen und Festspiele veranstaltete und dadurch die Kureinnahmen von Badeorten erfrischend hob. Man zeigte wieder einmal wie unfähig man war, die Absichten und Ziele aller wahren Größe überhaupt verstehen zu können. Sollte es jenen Leuten wirklich darum zu tun gewesen sein, nur ihren Namen ein Gedächtnis über das Grab hinaus zu sichern? Der geistige Gewinn den sie der Menschheit brachten, die Erweiterung des irdischen Gesichtskreises, all das, was ihr Verdienst ausmacht, zahlt man nicht zurück, indem man Landschaften durch Denkmäler verschandelt. Die Basis der wissenschaftlich Interessierten, auf der das moderne Kulturleben ruht, vergrößerte sich Jahrzehnt für Jahrzehnt durch ein absichtliches betriebenes Popularisieren der Werke großer Forscher, bis die Gefahr der üblen Halbbildung heraufbeschworen wurde, die man in unserer Zeit als Wurzel und Träger vieler Mängel erkannte. Hiermit setzt dann das Entstehen, Wachsen und Mächtigwerden des Materialismus ein, der die Sozialdemokratie als ureigenstes Werkzeug benutzte und schließlich in der ungeheuren Katastrophe des Weltkriegs die Orgie des Hasses und der Zerstörung entfesselte. Die Entwicklung der Auffassung vom Recht, also des Freiheitsbegriffs ,geht vom Dogma des Hochmuts über das Ideal der Verschwisterung von Recht und Pflicht zu Dogma des Hasses: aus der Lehre von der gottgefälligen Institution des Adels wurde die Lehre vom Klassenkampf. Daß dieser Zustand eine Reaktion hervorrufen mußte, ist selbstverständlich und zwar konnte eine solche aus den Reihen derer kommen, die klar und deutlich Wesen und Aufgabe der wahren Bildung d.h. der Freiheit erkannt hatten. Denn nach der einseitigen Definition der Freiheit als Wissen also Kenntnis der Naturgesetzlichkeiten, die den Menschen befähigen sollte, Gut und Böse, Rechte und Pflichten des Einzelnen gegenüber der Allgemeinheit von einander zu scheiden, nach diesem Rationalismus trat allmählich ein anderer Gedanke in Erscheinung, der die Freiheit als Bildung bezeichnete. Freilich hat dieser Gedanke niemals in der Masse Wurzel gefaßt wie jener andere, denn es bedurfte einer besonders feinen Veranlagung, um die sittlichen Kräfte zu erkennen, die diesem Ideal eingeschlossen lagen. Zu seiner Verwirklichung war das Zusammenarbeiten der zwei Hälften des menschlichen Geistes nötig die man Verstand und Gemüt nennt, und da diese Synthese nicht bequem ist wie die einseitige Ausbildung der intellektuellen Fähigkeiten, so konnte dieses Freiheitsideal niemals populär werden.

Das neue Ideal stellt gleichwertig neben die wissenschaftliche Ausbildung die Pflege einer Herzensbildung im Sinne der großen ethischen Lehren. Zu einer möglichst umfassenden gedanklichen Beherrschung der verschiedenen Wissensgebiete soll eine Beherrschung der Regungen des menschlichen Inneren treten, die in das widerspruchsvolle Durcheinander von Trieben Überlegungen eine ruhige Ausgeglichenheit bringt und nach außen in einem gewissen Stil des Benehmens zutage tritt. Das Toleranzideal früherer Zeit wird in Taktgefühl und Fähigkeit zu objektiver Beurteilung fremder Dinge umbenamst (?) Der angestrebten Stilisierung und ruhigen Färbung eines solchen Lebens entspricht das Bemühen um eine gehaltvolle künstlerische Bildung, die zu geschmackvoller Ausgestaltung der äußeren Lebensformen wie z.B. Kleidung und Sprache führen soll. Das hier in kurzen Zügen umrissene Bildungsideal wiederholt selbstverständlich in manchen Zügen alles, was seit einer irdischen (?) Kultur an Ansprüchen dieser Art erhoben wurde, aber es hebt sich darin so merkbar aus der formlosen und verworrenen Gleichmacherei unserer Tage ab, weil es in sich im Gegensatz zu anarchistischem Individualismus dieselben Bindungen und Verpflichtungen enthält, wie sie das Wort im ancien régime

betonen wollte, und weil es dadurch in krassem Gegensatz zu unserer führerlosen Zeit eine gewisse Schicht verwandter Menschenseelen zusammenschließt und zu einer höheren Einheit erhebt. Durch die Prägung des Wortes „Bildung verpflichtet“ wird genau so wie in jenen Zeiten ein internationaler Kreis hergestellt, der durch Gemeinsamkeit der Lebensziele zu wirken berufen ist. Diese Führerschaft, die bei der jetzigen Entwertung von Geburtsrücksichten viel umfassender sein kann als die damalige des Adels, zeichnet sich vor jener dadurch aus, daß sie keinen einzelnen Stand umfaßt, sondern sich aus dem im obigen Sinn Gebildeten rekrutiert. Durch diese Verallgemeinerung hat das neue Führergeschlecht dem Zeitgeist seinen berechtigten Tribut gezollt, der zwischen Arbeiter und Fürst keinen Unterschied machen will und darf, sondern zwischen Gut und Schlecht. Da das neue Wort „Bildung verpflichtet“ nur nach der Einheitlichkeit der Lebensführung, nicht aber nach dem Umfang des Wissens fragt, so kann ein Landarbeiter ebenso viel oder wenig gebildet gelten wie ein Universitätsprofessor. Als Maßstab gilt einzig und allein die Erfüllung der Forderung, „verpflichte dich! „ Durch die Erkenntnis, daß Objektivität gegenüber den Geschehnissen notwendig sei, gerät der Gebildete in den Zwang und die Verpflichtung, beständig an sich zu arbeiten, um entgegengesetzte Gedankenrichtungen ihren Einfluß zu nehmen. Selbstzucht in jeder Hinsicht ist die Verpflichtung, die jeder auf sich nehmen muß, der als gebildet gelten will, dasselbe was der Adel zur Erfüllung seiner Ritterpflichten auszuüben hatte. Durch diese Selbstzucht zwingt man sich zur Gerechtigkeit gegen andere, deren Gewissensfreiheit man unbedingt zu achten hat. Ferner ist man verpflichtet, die Bildung, die man als heilbringend erkannt hat, durch Lehn und Beispiel (?) weiterzutragen und am Acker mitzuarbeiten hat, aus dem einst das Korn der Zukunft sprossen soll. Haben wir solchermaßen die Gewähr, daß bei hingebender Arbeit an der Verwirklichung des Wortes „Bildung verpflichtet“ ein neuer, innerlich stärkerer und mehr berechtigter Adel herangezüchtet wird als der, der das halb mutige, halb verzweifelte Mahnwort „Noblesse oblige“ konnte, so können wir mit gutem Recht behaupten, daß ein altes Standesideal in unserer Zeit eine heilsame Umwandlung in ein Menschheitsideal erfahren hat.

 7. 11. 1921

Was bedeuteten positive Sozialaffekte und wie entwickele ich sie in mir?

Trotz der Behauptungen aller Religionen, daß metaphysische Gesetze für das Handeln der Menschheit maßgeblich zu sein hätten und daß eine absolute Ethik dem Einzelmenschen die Normen vorschreibe, regelt sich das irdische Leben nur nach den Beziehungen, die zwischen den Individuen der Gattung „Mensch“ bestehen. Nicht angeblich zweifelsfrei feststehende, göttliche 10 Gebote vermögen dem Menschen als Richtlinien und Wegweiser durch die Probleme und Wirrnisse des großen Labyrinths der Welt zu dienen, und kein religiöses Dogma ihn in den wichtigsten Augenblicken seines Lebens als da sind Liebe, Gefahr, Tod so entscheidend beeinflussen, wie es die großen Triebe mit Leichtigkeit können, die sowohl Geburt und persönliche Entwicklung in ihn gelegt und ausgebildet haben. Jene Beziehungen zwischen den Individuen regeln sich nach den urgewaltigen Seelenströmungen, die durch Umgebung und Erziehung, durch Naturgesetze und eigene Willensregungen mannigfach verzweigt und in ihrer Gewalt abgeschwächt, in ihrer Gesamtheit das Charakterbild des Menschen von heute bilden. Da alle Handlungen eines Individuums sich nur nach der Art und Stärke ihrer Wirkungen auf die Umwelt, also auch auf andere Individuen beurteilen und bewerten lassen, so müßte man also, anstatt nach dem absoluten Wert des Menschencharakters zu fragen, die Stellung des Individuums zu der Gesamtheit ausschlaggebend bei der Beurteilung sein lassen und damit seinen Wert für die Gesamtheit bestimmen. Denn in der glücklichen Regelung der Beziehungen vieler Einzelwesen (und ohne solche Beziehungen ist ein Wesen nicht denkbar) liegt ein Vorteil für den Einzelnen wie für die Gesamtheit, also hat diese glückliche Regelung, mit anderen Worten das Wohl der Menschheit für alle Handlungen als sittliches Ziel zu gelten und nicht eine abstrakte religiöse Forderung, die der menschlichen Natur widerspricht. Menschenwohl und – wesen ist weit eher als als göttlich und geheiligt anzusehen als die Erfüllung einiger auch nur durch Menschen postulierten Theoreme, die uns nie weitergebracht haben. Nur von solchen Sittungsgeboten dürfen wir Förderung erhoffen, die den innerlichen Trieben der Menschennatur in so weitem Maße entgegenkommen als es ihr Charakter als Sittungsgebot d.h. als ausgleichende Regulative erlaubt. Entspricht nun die Forderung, das Wohl der Menschheit oder möglichst vieler Einzelwesen mit allen Kräften anzustreben, der inneren Struktur des Normalmenschen oder schlummern Triebe in ihm die solchen Forderungen offen widerstehen? Wenn diese Frage bejaht werden muß, dann wird damit der Staat als diejenige irdische Einrichtung, die es unternimmt, die Wechselbeziehungen vieler Individuen zu regeln, zur hohlen Atrappe, zu bloßen Fessel, der sich die Menschen murrend beugen. Er müßte dann entweder eine künstliche Erfindung von Ausnahmemenschen sein, die die Menschennatur erkannten und sie in die Bahnen eines sozialen Zwanges wider ihren Willen einpreßten, oder aber eine göttliche Institution, herabgeschwebt vom Himmel um die unartigen Menschen zu erziehen. Wenn sich aber das Postulat sozialer Einigkeit als konform erweist mit dem Triebleben des einzelnen, dann ist Staat und Gesellschaft ein Produkt natürlicher Entwicklung und gesetzlicher Regelmäßigkeit, da auch menschliche Triebregungen im Bereich der Naturgesetze liegen.

In anderer Form könnte man diese beiden Probleme auch so gegenüberstellen: Sind die Regungen, die dem Menschen ein friedliches Zusammenleben mit anderen erleichtern und vielleicht überhaupt erst möglich machen, ihm durch den Staat anerzogen oder oder angeborene Eigenschaften? Oder aber man könnte mit Integrierung eines Werturteils fragen: Ist der Mensch von Natur aus böse oder gut? Wobei man als Maßstab die Förderung des gesamten Menschentums, die ersichtlich von der Natur (oder Gott) beabsichtigt ist, einstellen müßte. Um entscheiden zu können, wie weit sich die Beziehungen zwischen Mensch und Gemeinschaft regeln lassen, muß man sich über Wesen und Richtung der seelischen Grundtriebe jedes Individuums klar sein. Da sich ihm die Welt teilt in das „Ich – selbst“ und „die anderen“, so werden sich seine Triebe d.h. die nicht durch Willen und Einsicht wesentlich korrigierbaren, naturgesetzartig wirksamen Kräfte seines Gefühlsapparats ebenfalls in zwei Gebiete sondern lassen: Die Triebe mit der Richtung auf sich selbst, die egoistischen, und die gegen andere Individuen, die altruistischen. In das erste Gebiet fällt derjenige Trieb, der als Naturgesetz durchs ganze All geht und allen Lebenden überhaupt erst Existenzmöglichkeit sichert: Der Selbsterhaltungstrieb. Er ist als das stärkste Pluszeichen in der ganzen wundervoll genau sich bildenden Gewinn – und Verlustrechnung des Daseins und vermochte die Hälfte alles dessen hervorzubringen, was wir heute als selbstverständliche Dinge ohne Staunen täglich in den Händen halten: Feuer, Kleidung, künstliche Nahrung. Das Ziel ist die Erhaltung und Förderung des einzelnen, und diesem Zwecke allein gehorchen alle die vielen Nebentriebe, die ihm, dem alten Proteus, verwandt sind: Selbstgefühl, Gewinnsucht, Eifersucht, bisweilen Furcht und Demut, kurz oft die widerspruchsvollsten Regungen stammen aus dieser gemeinsamen Quelle. Selbsterhaltung heißt alles, was ein Individuum überhaupt ausmacht. Wo beginnt nun der Übergang von diesem individualistischem Triebkomplex zu den seelischen Motiven sozialer Betätigung, wie wir sie mit Rücksicht auf das große, und als sittliche Pflicht vorschwebende (?) Ideal von der Vervollkommnung des Menschengeschlechts fordern müssen? Existiert etwa neben dem Selbsterhaltungstrieb ein Trieb im Menschen, der den Keim zu allem altruistischen Regungen in sich birgt? Man sollte meinen, daß der erste Trieb, der über die grundlegensten Daseinsansprüche des Individuums hinausgreift und in ein zweites Individuum in seinen Kreis einbezieht, der Anfang aller Beziehungen zwischen zwei Einzelwesen sein müsse.Dieser Trieb ist der Geschlechtstrieb, der in den Äußerungen seiner blinden Leidenschaft zu ersten Mal die Selbsterhaltungsinstinkte soweit außer Acht läßt, daß das Interesse an einem zweiten Wesen überwiegt. Da wird es nun deutlich, daß wirklich zwei Grundinstinkte im Menschen schlummern, und daß bereits auf den niedersten menschlichen Entwicklungsstufen, ja, die ganze Stufenleiter des organischen Lebens hinunter bis zu den Protozoen ein gewaltiger Trieb die Oberherrschaft über den Selbsterhaltungswillen zu gewinnen vermag, nämlich der Gattungswille, der in jedem Individuum geheimnisvoll zu Tage tritt und die Erhaltung Art anstrebt. Im Menschen vermag der Gattungswille und damit der ursprünglichste soziale Trieb sogar siegreich über die individualistischen Interessen zu triumphieren, wie es sich zuerst im zweigeschlechtlichen Liebestrieb zeigt, der Fortpflanzung und damit Entwicklungsmöglichkeiten der gesamten menschlichen Art halb unbewußt bezwecken will. Vom Geschlechtstrieb läßt sich dann aufwärts die Entwicklung und allmähliche Klärung gewisser sozialer Ideen leicht verfolgen. Es ist nicht genug damit, daß in dem neugeborenen Kind die Art gleichsam neu geboren wurde, sie muß nun auch gesichert werden gegen vernichtenden Einflüsse. In der Familie und ihrer Brutpflege, einem tierischen Erbteil, bilden sich die ersten Anfänge sozialer Betätigung heraus. Es bilden sich bündnisartige Beziehungen zu blutsverwandten Familien, darin friedlicher Ausgleich nützlicher erscheint als ein Kampf, die Sippe entsteht. So sieht man, wie ein soziales Empfinden dem Menschen als dem Endpunkt einer organischen Entwicklung eingeboren ist und wie ihm die seelischen Voraussetzungen zur Erfüllung des Ideals vom Ausbau der Menschheit nicht mangeln. Darwins Gesetz der „struggle for life“ hat wesentlich eingeschränkt werden müssen durch ein anderes Prinzip, das Kropotkin auf die Formel gebracht hat: Die Höherentwicklung der Gattungen vollzieht sich nicht nur durch blinden Kampf ums Dasein, sondern mehr noch durch Angleichung verschiedener Arten aneinander, sowie durch gegenseitige Hilfe. Mithin ist der Sozialaffekt nicht etwa ein durch ??? und Herdeninstinkt im Sinne Nietzsches anerzogenes Merkmal menschlicher Kultur, sondern sein Ursprung ligt tief im Sinne der Schöpfung verwurzelt. Das Ziel, das uns vor Augen schwebt, ist eine geeinte und bewußt handelnde Menschheit. Der Weg zu diesem Ziele ist uns vorgeschrieben und führt über die Einzelpersönlichkeit. Es ist die Pflicht eines jeden Individuums, den Gattungswillen in sich zu entwickeln und zu steigern. Es ist natürlich, daß diese Steigerung der altruistischen Gefühle auf Kosten der egoistischen geht, da beide Gefühlsarten derart mit einander verknüpft sind, daß Wachstum der einen eine Schwächung der anderen bedeutet. Da aber beide Gefühlsarten ihre naturgesetzliche Begründung haben, kommt es darauf an, sie in Gleichgewicht miteinander zu bringen und dabei doch genügend geistige Energie zur Erledigung der an uns herantretenden sozialen Aufgaben über zu haben. Diese Aufgaben sind naturgemäß mit der Verfeinerung der Kultur gewachsen. Da kommt es uns nun zustatten, daß wir Einzelmenschen dank der geistigen Entwicklung der Menschheit soviel Erbmasse an sozialen Affekten bereits mit zur Welt bringen (denn auch seelische Regungen können vererbt werden und unterliegen dem biogenetischen Grundgesetz, das da sagt, daß das Individuum im Laufe seiner Keimentwicklung alle Phasen der Stammesentwicklung abgekürzt durchläuft), daß wir in unserer Arbeit an der Ausbildung unserer sozialen Regungen wesentlich unterstützt werden. Die Erziehung bringt einiges Neue hinzu, festigt und klärt aber im Übrigen bereits vorhanden kindliche Gefühle wie z. B. Das instinktive Mitleid und das Verantwortlichkeitsgefühl. So handelt es sich für uns nur darum, diese angeborenen seelischen Eigenschaften einerseits zu stärken, andererseits aber aus der Gefühlssphäre in die Willenssphäre hinüber zu leiten. Erst hierdurch bekommen soziale Regungen den ihnen eigentümlichen Charakter der Selbstlosigkeit und erhalten ihre wirklich positive und segenbringende Bedeutung für die Allgemeinheit. Das Mitleid als solches kann einen negativen Charakter tragen solange es sich in fruchtlosem Klagen über das Unglück anderer ergeht und vielleicht zur seelischen Depression des Mit-Leidenden führt, es wird aber sofort in positive Energie umgesetzt, wenn es etwa eine helfende Tat (z.B. Armenpflege, Samariterdienst u.a. soziale Dienstleistungen) auslöst. Da aber tatkräftige Arbeit allein dem Ziele näher bringt, das wir im Wohle der gesamten Menschheit erblicken, so dürfen wir als förderlich und schöpferisch in diesem Sinne nur die Regungen des menschlichen Inneren ansehen, die diesen positiven Charakter tragen und müssen nur die Affekte als brauchbar im großen Lebensgetriebe erachten, die sich unmittelbar in Wwerke und Taten umsetzen lassen.

Sozialaffekte sind also naturgesetzlich erforderlich zur Erhaltung der Art und daher schon im Tierreich anzutreffen. Dort steht ihnen jedoch die klare Bestimmtheit, die zeigt, daß sich ihr Träger ihrer Bedeutung bewußt geworden ist. Erst beim Menschen tritt an die Stelle des einfachen Naturzwanges, der sich von selbst regelt, das Sittengebot, das ihm den Weg weist, den er zu gehen hat. Daher vermag er zu erkennen, daß die Erhaltung der Menschen am schwersten durch ihre eigenen Laster bedroht ist, und den Willen aufzubringen, zu erforschen, wie solchem drohenden Untergang vorzubeugen ist. Es handelt sich also für jeden Menschen darum, daß er sich die natürlichen Folgen richtigen und unrichtigen Handelns und Lebens der einzelnen und die Bedeutung dieses Handelns für Volk und Menschheit klar macht und tief in Geist und Herz einprägt. Von der Kirche kann er die Belehrung über die richtige Lebensweise kaum erlangen, da sie in ihrer kirchlichen Jugenderziehung nur auf die jenseitigen Strafen und Belohnungen und auf ein egoistisches Ziel, die Erlangung ewiger Seeligkeit hinweist. Nur die wissenschaftliche Ethik vermag im Individuum überzeugend die Einsicht zu erwecken, wie wenig der einzelne bedeutet gegenüber dem Volks- und Menscheitsganzen, wieviel er der Vergangenheit und Mitwelt (?) schuldet und wie dringend er verpflichtet ist, an der Erhaltung und Förderung des Ganzen mitzuarbeiten. Denn diesem verdankt er alles, was er ist und innerhalb dieses allein kann in seinen Kindern und Enkeln fortleben. Zu einer Steigerung der sozialen Affekte gehört also unbedingt eine Erweiterung des Geisteskreises, wie sie die Wissenschaft in all ihren Verzweigungen zu geben vermag. Wissenschaft ist hier in weitestem Sinn des Wortes gebraucht. Es genügt selbstverständlich zur Ausbildung so verwickelter und oft einander widersprechender Gefühlsrichtungen nicht, daß man die Gesetze kennt, nach denen sich unser Einzelleben sowie das der komplizierten Staatsorganisationen vollziehen soll, sondern man muß außer Kenntnis Verständnis haben. Und das ist eine Seelenfunktion, die sich nur erwerben läßt im steten Verkehr mit Charakteren die von dem eigenen abweichen. Lernt man die Motive von Handlungen kennen und würdigen, die einem falsch erscheinen, so beurteilt man manche Frage sicherer und vielseitiger, wenn man sie gestellt bekommt. „Tout comprendre c‘est tout pardonner“ , das muß der oberste Grundsatz sein für jedes Wesen, das sich mit anderen unzertrennlich verknüpft weiß und daher ist es die Pflicht eines sozial Denkenden sich über Klassen- Rassenunterschiede hinwegzusetzen und jeden Mitmenschen aus sich und seinem Schicksal heraus zu verstehen suchen. Wie wenig finden wir in unserer Kulturmenschheit dieses Verständnis noch! Eine zwei- oder mehrjährige Arbeitspflicht in verschiedenen Berufskreisen für jeden Staatsbürger würde da viel Segen schaffen. So sind der Wege viele, die zum Ziel führen. Aber sie alle ließen sich zusammenfassen in der moralischen Pflicht, seinen Willen zu konzentrieren auf eine allgemeine Humanisierung und Sozialisierung des gesamten Lebensinhalts, mit anderen Worten auf die Bildung einer Persönlichkeit, wie sie Gemeinschaftsleben sie braucht