Aus dem umfangreichen Nachlass von Fritz Barnstorf und seiner Ehefrau Lisa, geb. Utermöhlen, den Eltern des Verfassers, geben die Texte, Bilder und Briefauszüge einen Überblick über den Lebenslauf von Dr. Fritz Barnstorf, der als Psychiater  von 1934 bis1964 an Kliniken in Neu-Haldensleben und Königslutter als beamteter Arzt tätig war.

Unter der Rubrik "Nachforschungen" werden einige persönliche Texte neben die Dokumente gestellt

Die Jahrgänge der um die Wende ins zwanzigste Jahrhundert Geborenen wuchsen in ihrer Kindheit im kaiserlichen Deutschland auf, hatten eine Jugendzeit im Krieg und wurden in den Umbrüchen hin zur Weimarer Republik erwachsen. Ernst Glaesers1 Roman „Jahrgang 1902“, erschienen 1928, schildert in dokumentarischem Stil die Erfahrungen eines 1902 geborenen Ich-Erzählers in dieser Zeit bis zum Umbruch 1918/19. Angeregt durch diesen, 2013 wieder aufgelegten Roman  wird der Titel dieser Dokumentation „Jahrgang 1901“ gewählt.

Die „Wendejahrgänge“, die ein Studium durchlaufen hatten, standen dann Ende der 1920‘er, Anfang der 1930‘er Jahre am Beginn einer beruflichen Laufbahn zu Zeiten des Übergangs in einen totalitären Staat. Entscheidungen zu einer Karriere in der nationalsozialistischen Gesellschaft wurden fällig. Dies betraf besonders die Tätigkeiten in einer beamteten Stellung, wie es die von Fritz Barnstorf als Arzt an staatlichen Krankenhäusern war.

Zu dieser Thematik hatte sich auch F.B. auf einem Treffen seiner Mitschüler des Martino-Katharineums zum 40. Jahrestag der Abiturprüfung, 1962 geäußert . Hier der Text dieser kleinen Rede an seine Mitschüler:

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Weiterhin ein Lebenslauf von Fritz Barnstorf, von ihm geschrieben 1937 für den „Familienverband Barnstorf“, einem Verein für Familienforschung:

Friedrich Wilhelm Barnstorf

geboren Dettum 14. Mai 1901 21 Uhr 30

Geburt im Hause der Großmutter mütterl., war schwer und langdauernd, mußte durch Zange beendet werden. Mit 1 ¼ Jahren Laufen, gleichzeitig Sprechen. In der frühen Kindheit nie ernstlich krank. Frühe Begabung für sprachliche Leistungen: leichtes Auswendiglernen. Als Kind sehr viel im Hause von Großtante Auguste Barnstorf, geb. Quidde, nach deren Mann er genannt ist. War der kinderlosen Tante gleichsam Ersatz für eigenes Kind. Wurde in allen Dingen sehr verwöhnt. Da er gerne las, vermachte die Tante ihm schon mit 6-7 Jahren den großen Bücherschrank ihres verstorbenen Mannes. Die leidenschaftliche Neigung zu Büchern hat sich über die ganze Jugendzeit bis jetzt bei ihm erhalten.

Seit 6. Lebensjahre häufig Katarrhe der Lunge, daher oft bettlägerig. Wurde deswegen nach kurzem Besuch der Dorfschule vom Lehrer des Ortes im Hause unterrichtet. Im II. Jahre durch Hauslehrer für Quinta eines humanistischen Gymnasiums vorbereitet. Schon damals sprachliche Fächer leichter gelernt als mathematische. Wegen der häufigen Lungenerkrankungen 1907, 1910/11, 1914 im Sommer zur Kur in Borkum. Ostern 1912 in Quinta des Real-Reformgymnasiums Braunschweig aufgenommen. Kam mit Bruder Wilhelm in Pension bei Ing. Jasche. Sommer 1913 im Anschluß an Masern wieder ernstlich krank, mußte dann 2 Jahre mit der Schule aussetzen. Während dieser Zeit zu Hause in Weferlingen. Mehrfache Erkrankungen in dieser Zeit lassen die tuberkulöse Ursache nachträglich sicher erscheinen. 1915 wieder zurück nach Braunschweig, in Pension bei alten Bekannten der Eltern: Geschwister Frl. Westphal. Quarta des Gymnasiums Martino-Katharineum. 1918 schwere Grippe. 1919 Lungenentzündung mit Rippenfellentzündung. Wieder ½ Jahr Schulpause. Schulleistungen anfangs sehr gut, besonders Sprachen, später infolge Lücken durch Krankheit in den mathematischen Fächern ungleichmäßig. Nie sitzen geblieben. Wegen körperlichen Dürftigkeit 1918 für Hilfsdienst nicht tauglich befunden. Militärisch nicht mehr ausgebildet. 1918-1922 literarisch tätig, veröffentlichte u.a. Lyrik und Buchbesprechungen, verkehrte viel in Künstlerkreisen der Stadt.

1922 Abitur mit „sehr gut“, vom mündlichen Examen befreit. Zunächst Absicht Literatur und Kunstgeschichte zu studieren, aus materiellen Erwägungen aufgegeben. Studierte dann in Kiel und Göttingen Rechtswissenschaft. 1924 wegen Abneigung gegen juristische Scheinwissenschaft zum medizinischen Studium übergegangen, für das immer starkes Interesse bestand. Bis 1930 Studium in Berlin, München, Hamburg und Göttingen. Dort 1931 Staatsexamen mit „gut“ bestanden. Juni 1931 medizinische Doktorwürde in Göttingen mit einer Arbeit über angeborenes Fehlen der Gallenblase erworben.

15. Mai – 1. Dezember 1931 Medizinalpraktikant am Städtischen Krankenhaus Braunschweig, dann in gleicher Stellung an der Landesheilanstalt Königslutter. Verlobte sich im Sommer 1931 (öffentlich, womit seit 10 Jahren bestehender Zustand nur formell „beglaubigt“ wurde) mit seiner Jugendgespielin aus dem gleichen Dorfe Lisa Utermöhlen, die seit 1926 Lehrerin in Königslutter war. Sollte dort als Beamter angestellt werden, jedoch wurde ein zweiter Bewerber mit längerer Parteizugehörigkeit vom Ministerium bestätigt. Ging darauf als Assistent zurück an das Städt. Krhs. Braunschweig zurück am 20. Januar 1934. Dort nervenärztlich tätig bis 1. Oktober 1934.

 Am 19. Mai 1934 Heirat in der Dorfkirche zu Weferlingen. Die Trauung vollzog der Ortsgeistliche, Pastor lic. von Schwartz, Eilum. Hochzeitsgäste waren nur die nächsten Angehörigen beiderseits. Die Wohnung in Braunschweig war eine 4-Zimmerwohnung in einem Neubau an der Stadtgrenze: Braunschweig-Lehndorf, Vogelsang 240.

Am 1. Oktober 1934 Übersiedlung nach Neu-Haldensleben als Assistent an die dortige Landesheilanstalt der Provinz Sachsen. Seit Oktober 1935 als Beamter mit Ruhegehalt angestellt. Mai 1937 zum Provinzial Medizinalrat befördert. Seit 1936 Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten.

Reisen: 1927 vier Wochen Italien bis Sizilien. 1934 8 Tage England, 1937 14 Tage Südtirol. Außerdem weitere Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands: Alpen, Mosel, Franken, Nordsee.

Seit 1919 nicht mehr ernstlich krank. Seit 1933 in der S.A., zur Zeit Sanitäts Obertruppführer, Parteianwärter seit Mai 1937.

Früher nie politisch organisiert, auch wenig wenig politische Interessen gehabt. Viel geistige Interessen, insbesondere literarische und kulturgeschichtliche. Kann sich in Bücher vergraben, freut sich aber ebenso an Wanderungen und Erlebnissen mit Musik und Bühne. Technische Fertigkeiten leider nur mangelhaft entwickelt, kann kein Musikinstrument spielen, weiß kaum das Primitivste vom Automotor. Seit 10 Jahren starkes Interesse für Erforschung der eigenen Familie und ihrer Geschichte. Seit Geburt des eigenen Kindes noch gesteigert, da ein Ziel für die Arbeit gefunden wurde.

Bisher unbestraft, auch keine Polizeistrafen.

 Diese beiden Texte sollen nur, auch in ihrer verschiedenartigen Sicht auf das eigene Leben, als Einleitung für die folgenden Dokumente dienen.

1Ernst Glaeser: „Jahrgang 1902“, Neuauflage, Göttingen 2013