Familienforschung und Familientage
Das Interesse an überlieferten Dokumenten der Familie und des Hofs begann bei Fritz durch ein Erlebnis während des Umzugs der Familie Barnstorf in Weferlingen. Dies wird durch eine Erinnerung dokumentiert.
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.. Es war um 1920, als der lange vorbereitete Umzug der Familie Barnstorf aus dem Hause des sogenannten Münchhausen-Hofes in Weferlingen, das mein Vater als Pächter 1900 hatte erbauen lassen und in dem meine Geschwister und ich auf dem großen Hof unsere Kindheit verlebten, in da Haus der „Tante“ Auguste Barnstorf, No. Ass 3 vor sich ging. Dabei wurde, wie üblich, überall, besonders auf dem Dachboden vorher „aufgeräumt“! Zu dieser Aktion gehörte leider auch die Entleerung eines der schönen großen Holzkoffer von seinem Inhalt. Das war Papier, viel altes handschriftlich mit verblaßter, bräunlicher Tinte beschriebenes Papier. Es mußte im Kofferraum irgendwelcher Wäsche weichen. Und es wurde im Neben der Waschküche zur baldigen Verbrennung gestapelt.
Der schon 1887 verstorbene Hofbesitzer, der Ehemann der „Tante“, Fritz Barnstorf, mein Großonkel, nach dem ich auf Wunsch der „Tante“ meinen Vornamen bekam, er war der erste und einzige Hof- und Familienforscher in der ganzen großen Bauernsippe, die ich später übersehen lernte.
Das war im reichen, nur auf „Ertrag“ zielenden Ostfalens fast ausschließlich hervorgebrachte Gleichgültigkeit mit. Schon in der benachbarten Lüneburger Heide hatten fast alle, auch kleinere Höfe Aufzeichnungen zur Geschichte ihres Hofes, oft auch ihres Dorfes. „Bei uns“ gab es das nicht.
Aber da hatte nun Großonkel Fritz bis zu seinem frühen Tode – er starb an einer Blutvergiftung, gegen die es damals kein Penicillin gab – alles gesammelt, was sich auf die Geschichte seines Hofes Nr. ass. 3 bezog. Lehensbriefe mit dem „Grundherren“, dem Kreuzkloster von Braunschweig, behördliche Verfügungen und Proteste dagegen, Steuer- und Abgabelasten, kurz alles was es in 3 – 4 Jahrhunderten dem Bauern Last und manchmal Lust gemacht hat. Ob er jemals daran gedacht hat, den Extrakt dieser Sammlung zu einer Kurzdarstellung zusammen zu fassen, weiß man nicht. Wohl aber weiß man aus zeitgenössischen Notizen in Heimatblättern oder Vermerken anderer Heimatforscher, daß man sich um Auskunft oder Hilfe an Fritz Barnstorf wandte, für deren Möglichkeit er bekannt geworden war.
Und sein lange im Holzkoffer gehegter Nachlaß wurde nun von meinen ahnungslosen Eltern verbrannt!! Und als ich, noch völlig unvertraut mit der Bedeutung derartiger Dokumente, diesen Haufen um 1920 durchstöberte – ich weiß noch, daß ich darauf saß – da kam das „Schlüsselerlebnis“. Ich hielt in der Hand eine Bescheinigung darüber, daß die Franzosen im 7-Jährigen Krieg dem damaligen, mit uns Barnstorfs verwandten Hofbesitzer mehrere Pferde und Kühe geraubt hatten.
Das war das Zusammentreffen der Geschichte mit den geschichtslos dahinlebenden Dorfbewohnern und das war die Zündung eines seit langem in mir schlummernden Wunsches die Lebensgeschichte meiner Vorfahren mit der allgemeinen, wirtschaftlichen und politischen Geschichte ihrer Zeit in Verbindung zu bringen. ...“
Geschrieben, Juli 1974
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F.B. begann dann seit Ende der 1920‘er Jahre mit dem Aufbau einer Stammtafel der Familie Barnstorf, der ca. 1936 abgeschlossen wurde. 1937 organisierte er einen „Familientag“ . Der Einführungsvortrag vom 18. 9. 1937 wird hier wiedergegeben:
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Aus einer Einführungsrede zum ersten Familientag des Braunschweigischen Bauerngeschlechts der Barnstorfs 18. 9. 1937
(Abschrift des Redemanuskripts)
Als Vorbereiter und Einberufer der heute stattfindenden Zusammenkunft eröffne ich hiermit den ersten Familientag des Braunschweigischen Bauerngeschlechts der Barnstorfs. Es darf mir jeder von Ihnen glauben, wenn ich versichere, wie herzlich erfreut und belohnt für alle Mühe und Arbeit ich mich fühle durch das Echo, das mein Ruf in nah und fern in allen Zweigen unserer Familie gefunden hat. Das Ergebnis, daß von 68 eingeladenen Teilnehmern nur 5 abgesagt und 3 weitere z.T. wegen Krankheit in der Familie nicht geantwortet haben, während 60 liebe Gäste heute hier erschienen sind, ist so überaus erfreulich, daß sich daraus allein schon unser heutiges Treffen innerlich rechtfertigt. Es muß wohl in allen Zweigen und Gliedern der Familie ein Gefühl der Notwendigkeit solcher Zusammenkünfte bereit gelegen haben, das nur des Anstoßes bedurfte, um Anlaß zu einer größeren oder kleineren Reise in die Heimat der Vorväter unseres Geschlechtes zu geben.Alte Erinnerungen wurden wach, halb vergessene Zusammenhänge mit Trägern gleichen Namens Barnstorf tauchten im Gedächtnis auf, hier und da Genaueres über die Namensverwandten, und in allen Herzen, ob sie fern am Harzrand, in der Magdeburger Börde, im Lande Sachsen, in der guten Landeshauptstadt oder im Kreise Wolfenbüttel schlugen, muß wohl dann einen Augenblick lang ein stolzes Gefühl erwacht sein, das sich freute darüber, daß das alte Bauernblut jenes Ackermanns Henning Barnstorf geb. 1598, gest. 1653 in Atzum bei Wolfenbüttel noch durch alle diese Herzen rinnt. Der Stolz, einem so alten, so lange nachweislich in unserer lieben Heimat eingesessenen Geschlecht anzugehören und die Freude, viele Verwandte wiederzusehen, die sich lange aus dem Gesicht gekommen waren und nun kennenzulernen, hat uns hier zusammen geführt. Manche frohe und anerkennende Zuschrift, für die ich herzlich danke, hat es mir bewiesen: Die Zeit war reif für diesen Plan, den ich seit all den Jahren, in denen ich mich mit der Erforschung unserer Familie beschäftigte, als krönendes Ziel meiner Arbeit ansah. Ich war nicht der Einzige, der mit diesem Plan umging und ich möchte gerade heute unseren Verwandten danken die gewissermaßen den Stein durch ihre mündliche und schriftliche Anregung in Rollen gebracht haben, die mir Mut machten, die Vorarbeit für diesen Tag zu übernehmen ….
Es folgen einige Bemerkungen zum Fehlen von Informationen über das tägliche Leben einer Bauernfamilie der Vergangenheit, ausschließlich genealogische Daten der Kirchenbücher reichten nicht.
… Liebe Gäste, wenn Ihr jetzt fühlt, daß das jammervoll unrecht ist und daß wir es für uns und unsere Urenkel einmal anders haben möchten, dann habt Ihr den Sinn und die Bedeutung des Familientages und der Familienforschung zum größten Teil begriffen. Denn geht Euch auf, wie sinnlos und naturwidrig es ist, daß wir Menschen einer fortgeschrittenen Zeit über die Atome und das Sonnensystem besser Bescheid wissen, als über die Familie unseres Urgroßvaters, daß wir die Regierungszeiten Karls des Dicken, Otto des Kahlen dank unserer oh so vorzüglichen Schulbildung im Schlafe hersagen können, aber nicht wissen, wo unser Großvater geboren ist.
Vor einem Menschenalter hätte man einem Bauern einmal mit Familienkunde kommen sollen! Der hätte die Pfeife vorher aus dem Mund genommen, einen lange und kopfschüttelnd angesehen und dan „Hü!“ zu seinen Gäulen gesagt.
Leider muß man das so sagen, denn gerade unsere niedersächsische Bauern- und Bürgerschaft hat nicht denselben Geschlechterstolz bei sich gezüchtet, wir wie ihn weiter oben im Norden etwa bei den Dithmarschern oder im Süden bei den Schwarzwaldbauern durch alle Jahrhunderte antreffen. Gewiß gab und gibt es Ausnahmen, aber im allgemeinen hat der niedersächsische Bauer nicht die Freude an der Tradition sich bewahrt, wie sie im Bürgerstolz unserer alteingesessenen Patrizierfamilien in den Städten aus der Familiengeschichte so mancher alter Namen spricht oder aus den würdigen Goldinschriften vieler schöner Braunschweigischer Fachwerkbauten glänzt.
Familienforschung, Familientradition war von jeher das Vorrecht und die betonte Eigenart der adligen Familien, bei denen Erbrecht und Eheschließung so weitgehend vom Nachweis der Ebenbürtigkeit abhängig war. In den fürstlichen, gräflichen und frei.. (?) Familien erbten sich Namen, Waffen, Schmucksachen, Bilder und schriftliche Aufzeichnungen seit vielen Jahrhunderten fort; es geörte zur ritterlichen Erziehung des jungen Menschen, mit der Geschichte seiner Familie vertraut gemacht zu werden. Von der Geburt bis zum Tod umgab den Edelmann die Atmosphäre des Familienstolzes. Er fühlte sich ständig durch die Leistungen seiner Ahnen verpflichtet. Daß oft zu Dünkel und Hochmut entartete, was vordem echtes Wertbewußtsein war, sei zugegeben, aber der wahre Wert des Adels lag und liegt auch heute noch in der bewußten Pflege einer echten Familientradition.
Der Bürger tat es im späten Mittelalter dem Adligen nach, das habe ich schon erwähnt. In städtischen Familien finden wir sehr häufig überaus wertvolle und ausführliche Familienchroniken, Familienstiftungen, Familienbesitztümer.
Der Bauer aber, von beiden oft verachtet und geschunden, fand nur selten Anlaß, von sich aus seinen Vätern schriftlich Kunde zu geben. Er übergab oft den Hof im Alter dem ältesten Jungen, schrieb höchstens noch ins alte Familiengesangbuch die Geburtstage der Kinder, die Hochzeiten und die Geburten ein, versah auch wohl einen gemalten Schrank mit den Anfangsbuchstaben von sich und seiner Anna Dorothea, legte sich hin und starb. Und nur noch die Notiz im Kirchenbuch meldet von ihm, daß „er der älteste Greis in den 3 Gemeinden, ein gewesener Ackermann und Altarist gewesen“. Noch wurde der Enkel des Jungbauern nach dem Opa genannt, der Schrank wanderte zu einer Tochter, in die Aussteuer, das Gesangbuch verfiel und was weiß der Urenkel nun von dem alten Johann Heinrich Mathies ? Daß es ärgerlich und zeitraubend ist, wenn man für den arischen Abstammungsnachweis den Namen des Urgroßvaters und seine Lebensdaten aus dem Landeshauptarchiv sich beschaffen muß und daß das pro Urkunde 60 Pfg. kostet.
Was sonst günstigenfalls noch da war, ein Koffer voll alter Papiere, Meisterbriefe, Testamente, der seit 60 Jahren auf dem Dachboden stand, das hat vor 10 Jahren als das Haus „neu renoviert“ wurde den Weg in die Waschküche gefunden. (siehe die Erinnerung von 1974) Ein Paar Bilder von den alten Herren und Urgroßmutter Anna Dorothea Christine sollen ja auch noch da sein, aber wer hat sie? Die sind mal anderswohin vererbt worden!
Und nun wollen wir Familienforschung treiben und müssen auf dem Nichts aufbauen! So sieht es in den allermeisten unserer Braunschweigischen Bauernfamilien aus. So sah es aus, - wenn dieser Kreis von 60 Menschen, die sich bewußt zu diesem Geschlecht und seiner im Dunklen ruhenden Geschichte bekennen, sie wollen allesamt, daß es nun anders werden soll, das sie retten wollen, was noch von Familienüberlieferung zu retten ist, daß nicht im Jahr 2000 der junge Erbhofbauer Ottheinrich Caesar Barnstorf zu seiner Marie-Luise sagen muß: „Und dann soll da noch ein alter verrückter Onkel Friedrich Wilhelm gewesen sein, von dem weiß man nur, daß er alle Verwandten mit Zetteln plagte, auf dem sie Hochzeits- und Geburtsdaten und Lebensbeschreibungen notieren sollten. Wie wir verwandt sind, weiß ich nicht“.
Nein, mein lieber Ururneffe, der Friedrich Wilhelm und 60 weitere Urgroßväter- und Onkel- und Tanten wollen Dir diese Beschämung vor Deiner Frau ersparen, denn Du bist es wert, daß Du genau Bescheid weißt über dein Blutserbe, über den verschlungenen Weg den Dein Geschlecht gegangen ist seit den Tagen jenes Ackermanns Henning Barnstorf aus Atzum, der unser aller Namensvater ist.
Und diese Geschlecht ist es auch wert, daß die Welt, die liebe , neugierige Welt des 20. Jahrhunderts es erfährt, wie alt und echt in seiner Braunschweigischen Stammesart es ist. Es ist wert, zu dem gerechnet zu werden, was man heute „bäuerlicher Adel“ nennt, auch wenn sich bisher noch keiner gefunden hat, der in Kammern des Nährstands darüber schreibt. Wenn heute so viele Geschlechter laut und vernehmlich auf ihren Bauernursprung hinweisen, wenn plötzlich städtische Geschlechter ihre alte Liebe zur Scholle, zu Blut und Boden wieder entdecken, wenn in allen Zeitungen der Bericht vom Familientag der So-und-So Erdgeruch wittern läßt, dann hat das Braunschweigische Geschlecht Barnstorf, das hier zusammen sitzt, wahrlich und gewißlich ein Recht, sich zu den Familien unseres Landes zählen zu lassen, die den bäuerlichen Gedanken am treuesten bewahrt haben.
Von den 151 Namensträgern, die unsere Namenstafel seit Henning Barnstorf verzeichnet, sind nur 5 aus der vorletzten Generation in nicht bäuerliche Berufe abgeschwenkt. Auch die weiblichen Stammesglieder heirateten ausschließlich bis auf 2 oder 3 in bäuerliche Familien wieder ein. Der Stammhof in Atzum ist seit über 350 Jahren im Besitz des 1. Atzumer Zweiges des Geschlechts. Die Ahnentafeln sämtlicher Bauern der Familie würden, wenn sie fertig vorlägen, sicherlich ebenfalls rein bäuerliche Berufe zeigen, davon bin ich nach Fertigstellung meiner eigenen Ahnentafel bis in die 6. teilweise bis in die 7. Generation fest überzeugt. Ein Blick auf die Stammtafel dort müßte den Ungläubigsten von der einzigartigen soziologischen Geschlossenheit unseres Namens überzeugen, der eine unbegrenzte Lebensdauer im Interesse unserer Volksgemeinschaft zu wünschen wäre. Ich weiß, wir sind im Lande Braunschweig, ja im Kreise Wolfenbüttel nicht die einzige derartige Familie. Die Isensees, Rosenthals, Roses, u.s.w. weisen ähnliche Verhältnisse auf. Aber soll uns das hindern, auf das, was unsere Sippe mit der schollentreuen, fest verwurzelten, altbraunschweigischen Stammesart gemeinsam hat, stolz zu sein und uns zu freuen, daß wir und unsere Väter auch zu dieser alten Garde des Pfluges und der Egge gehören? Nein, wir wollen dafür sorgen, daß bekannt wird, wieviel vom täglichen Brot wir Barnstorfs dem Städter in 4 Jahrhunderten beschert haben, wie lange wir geholfen haben, dem Land um Wolfenbüttel den Ruhm des altbäuerlich Besten in Norddeutschland zu erringen und zu erhalten. Alle sollen es wissen, - und wir selbst wollen es durch eine bewußte Geschlossenheit der Familiengemeinschaft stets dokumentieren: Wir wissen, was wir „ererbt von den Vätern haben“ und werden uns stets bemühen, wert zu sein dieses Besitzes.
Dazu gehört, daß wir zunächst lernen uns, die wir verstreut in nah und fern, als Einheit zu fühlen. Wir alle haben uns auseinander gelebt. Wir hören hören selten von einander, wir kennen uns nicht von Angesicht zu Angesicht, wir verlieren uns immer mehr aus den Augen, je unruhiger und anspruchsvoller für den Einzelnen die Zeiten werden. Da muß es eine Einrichtung geben, die uns wenigstens einmal im Jahr zusammenführt, die uns auch sonst zusammen hält und dafür sorgt, daß nichts von dem verloren geht, was für die Geschichte einer Familie wichtig und wissenswert ist, wenn nicht im Jahre 2000 der vorhin erwähnte Vorwurf erklingen soll. Diese Einrichtung ist der Familientag und Familienverband mit seinem Familienarchiv.
Gestattet, liebe Gäste, daß ich nun die Bedeutung des Familientages und des Familienverbandes noch kurz umreiße. Wozu brauchen wir eine Familientag und zwar nicht einmal als kurzweilige Unterhaltung, sondern ständige ernsthafte Einrichtung?
In allen Geschlechtern, die eine bewußte Familientradition pflegen, also vornehmlich in den Adelsgeschlechtern, aber auch in den alten Bürger- und Bauernfamilien bedeutet der Familientag das geschlossene Auftreten der Familie der Umwelt gegenüber, die Kundgebung betonten Familienstolzes, den Ausdruck der Sippenverbundenheit. Wenn wir daher diese Werte für richtig erkannt haben, wenn wir uns als Blutseinheit fühlen, dann müssen wir durch einen Familientag der Barnstorfs regelmäßig, möglichst jährlich einmal Rechenschaft und Zeugnis davon ablegen. Alle Welt soll erfahren, daß die Barnstorfs sich ihrer Bedeutung als eines des ältesten Bauerngeschlechts des Braunschweiger-Wolfenbütteler Landes ständig bewußt sind und bleiben wollen.
Vor dem Familientag sollen alle Angelegenheiten besprochen werden, die die Familie in engerer und weiterer Beziehung angehen. Es soll durch Bekanntgabe aller Familienereignisse froher und ernster Art die Teilnahme aller an den Lebensschicksalen der andern Sippenverwandten erhalten werden.
Der Familientag ist die Stätte, wo alle Verwandten, die sich sonst icht sehen, ein paar Stunden beieinander sitzen und miteinander von Freude und Sorge der täglichen Arbeit, von alten Zeiten und von Zukunftswünschen, von Erinnerungen an die Vergangenheit ihrer Familie und unseres Geschlechts reden sollen. Freilich allein der Familientag kann das Familiengefühl nicht erhalten. Das muß sich auch zeigen in der Art, wie sich die Verwandten sonst zu einander stellen, wie sie sich wenn möglich, auch in der Zeit zwischen Familientagen zu Hause aufführen, wie sie sich Rat und Hilfe von einander erbitten, wie sie eintreten für einander, wenn es nötig ist. Diese Gefühl, dieses Bedürfnis nach Anhalt an die tragenden Kräfte des Sippe ist es ja gerade, was eigentlich der Sinn jeder Familie ist. Nur wo es richtig gedeiht und erhalten wird, kann die kleine Gliederung der Familie das werden, was die große Gliederung des Staates und Volkes von ihr erwartet: eine Keimzelle der sozialen und völkischen Ordnung.
Wir dürfen uns nicht täuschen, das Gefühl für die Bedeutung der Familie hat auch in unserem Kreis der Barnstorfs der eine mehr der andere weniger. Es soll ja auch nicht eine allgemeine Familienrührseligkeit mit Kuchen und Kaffeeklatsch gepflegt werden, wir wollen nicht blind dafür sein, daß die Familie oft für freie Geister eine quälende Enge bedeuten kann. Aber was wir von jedem erwarten dürfen, ist, daß er sich immer des Alters und des Wertes seiner Sippe bewußt bleibt, daß er selbst dankbar anerkennt, was sie ihm an Lebensgütern mitgegeben hat und daß er verspricht, den Blick dafür auch seinen Kindern und Enkeln zu schulen und zu lenken. Und so kann der Familientag jedem, der innerlich ein Barnstorf geblieben ist, auch wenn er nun anders heißt, aber auch jenem, der mit uns Barnstorfs durch das gemeinsame Lebensschicksal der Ehe verbunden ist, etwas vom stolzen und dankbaren Gefühl den Ahnen und Vätern gegenüber vermitteln. Deshalb ist der Familientag auch der gegebene Ort, um alle Ergebnisse der Familienforschung, alle Fortschritte auf dem Gebiete des Aufbaus einer Familientradition von Sippenzugehörigen bekannt zu geben.
Ich habe vorhin angedeutet, wie wenig es ist, was wir über unsere Vorfahren bis zu den Großvätern hinab wirklich wissen. Außer den Namen im Kirchenbuch ist uns fast nichts geblieben, wenn nicht hie und da in der Sippe noch mehr an schriftlichen Urkunden oder Bildern der Waschküche oder dem Erbrecht entgangen ist. Wir haben es als Sippenforscher daher schrecklich schwer, etwas von dem zu erfahren, was uns als Blutserben jener Vorfahren so brennend interessieren muß: Wie lebten alle die Johann Heinrichs und Anna Dorotheen, wie sah ihr Haus aus, was hatten sie an Vieh und Ernte auf ihren Strohdach gedeckten Höfen, wie traf das Kriegsschicksal, die alte, ländliche Not der Seuchen sie und ihre Lieben und was viel wichtiger wäre: An welchen Erkrankungen des Leibes und der Seele litten sie, wie war ihr Wesen, ihre Charakter und Geistesanlagen, wie meisterten sie ihr Lebensschicksal, mit einem Wort welches Erbgut übernahmen wir von ihnen.
Den ersten Teil dieser Fragen werden wir durch eine möglichst in die Breite gehende Festlegung unter Heranziehung aller nur möglichen Quellen bis zu einem gewissen Grade der Vollständigkeit beantworten können. Ich werde im Anschluß an unser gemeinsames Essen noch kurz über die Möglichkeiten berichten, die sich mir hier zu bieten scheinen. (Mittel und Darstellung der familiengeschichtlichen Forschung, die Stammtafel Barnstorf, das Sippenarchiv Barnstorf und seine Ausgestaltung)
Beim 2. Teil der Fragen: Körperliche und seelische Eigenschaften der Ahnen werden wir Barnstorfs auch nicht weiter kommen, als andere Geschlechter unserer Zeit. Wir werden erkennen müssen, daß die Sünden unserer Väter und Vorväter nämlich die fehlende Familientradition unserer bäuerlichen Ahnen uns hier fast völlig matt setzt. Was wir aus dem juristischen, standesamtlichen oder kirchlichen Notizen herauslesen können, ist viel zu wenig, als daß wir daraus irgendwelche näheren Schlüsse auf Wesen und Eigenart der verstorbenen Barnstorfs ziehen könnten. Man kann als Arzt wohl manchmal aus gewissen, oft ganz ausführlichen Eintragungen alter Pastoren bei den Todesursachen seine Schlüsse ziehen, aber irgendwie verwertbar für die Erkennung unserer ErEeigenschaften ist das natürlich kaum. Daß aber gerade diese Eigenschaften in der Familientradition eine ausschlaggebende Rolle spielen müßten, daß unsere ganze heutige Einstellung zur Familie, zum Volk auf ihnen beruht, das habe ich vorhin schon angedeutet und das möchte ich durch ein Wort des Führers über das Recht des Menschen innerhalb einer Gemeinschaft noch unterstreichen: „Es gibt für Menschenwesen nur ein heiligstes Menschenrecht und dieses Recht ist zugleich die heiligste Verpflichtung nämlich: dafür zu sorgen, das das Blut rein erhalten bleibt, um durch die Bewahrung des besten Menschentums einer edleren Entwicklung dieser Wesen die Möglichkeit zu geben“
Daß wir, die wir diese Verpflichtung anerkennen, damit auch einmal mehr von uns zu hinterlassen als wir vorfanden, daß wir ihnen über alle vorhin gestellten Fragen eine möglichst erschöpfende Antwort geben wollen, das ist die Rechtfertigung für unseren Plan, ein Sippenarchiv zu gründen, das einem Familienverband, der als rechtliche Körperschaft anerkannt ist, für alle Zeiten seines Bestehens gehört.
Damit komme ich zur Erläuterung meiner Absicht, einen Familienverband Barnstorf als eingetragenen Verein heute gründen zu wollen, der alle Personen umfassen soll, die den Namen Barnstorf tragen oder getragen haben und gleichzeitig ihre Blutsverwandtschaft mit dem 1598 in Atzum geborenen und dort am 28. 3. 1653 begrabenen Ackermann Henning Barnstorf nachweisen können, sowie allen Ehegatten dieser Personen, auch wenn die Ehe nicht mehr besteht. Warum wollen wir einen Familienverband gründen? Nicht darum, weil da, wo in Deutschland mehr als 4 Menschen zusammen sind, ein Verein gegründet werden muß. Auch nicht, weil die Zahl der Verbände, die von jedem von uns Beiträge einziehen, noch nicht allen Anforderungen genügt. (?)
Sondern darum:
1.) Weil wir für unsere Bemühung um die Schaffung einer echten Familientradition der Barnstorfs einen festen Rahmen brauchen, der alle die umschließt, soweit sie abstammungsmäßig zusammen gehören. Weil gerade in dieser tatsächlich und juristischen begründeten Gemeinschaft den anderen Familien im Land ein Beispiel gegeben werden soll für den Geist des Zusammenhalts, der uns beseelt.
Und weil noch immer eine geordnete Formation ein Sammelpunkt gemeinsamer Kräfte und daher einsatzfähig für eine Idee gewesen ist, in unserem Fall für den Gedanken einer völkisch begründeten Sippenforschung. Ein Familienverband besitzt durch die Zahl seiner Mitglieder, die sich bewußt zu rassischen und völkischen Zielen bekennen und sie auf ihre eigene Sippe anwenden wollen, eine hervorragende Bedeutung als Stützpunkt für eine Erziehung zum erbbiologischen Denken.
Ein Familienverband ist notwendig als fester Zusammenschluß von uns allen, weil nur durch die Verpflichtung zur Mitarbeit an der Schaffung eines Sippenarchivs das Ziel erreicht werden kann, was wir uns vorhin vor unseren Kindern und Kindeskindern gesetzt haben.
Damit komme ich zum 2. Grund: Nur ein Familienverband, ein Verein, der von jedem Mitglied außer einem kleine Geldbeitrag auch eine Verpflichtung fordert, alle ihm bekannten Tatsachen über die Geschichten der Familie zu Nutzen und Frommen aller, besonders der Nachkommen, einer Sammelstelle anzugeben, kann die Aufgaben der Sippenforschung richtig erfüllen. Was hat die Familie davon, wenn jeder einzelne von uns sich gerne einen schön gezeichneten Stammbaum für die gute Stube wünscht, wenn aber dann, wenn er ihn da hängen hat, sich darunter setzt und in seinem Schatten alle weiteren Dinge in Ruhe herankommen läßt. Nein, es kann jeder ein wenig mithelfen, daß unsere Sammlung von Lebenstatsachen, Lebensläufen, Bildern, Dokumenten, die wir ein Sippenarchiv nennen, vollzählig wird und bleibt. Und dazu verpflichtet ein Familienverband seine Mitglieder.
Dafür gehört dies Archiv dann dem Verband und damit jedem seiner Mitglieder. Und wenn der Verband einmal sich auflösen sollte, dann kann das Archiv, in dem ein ganzes Geschlecht in seinen Verwandtschaftsbeziehungen sich darstellt, zum Nutzen der allgemeinen Familienforschung irgendeiner Stelle vermacht werden, die für die richtige Verwendung bürgt. So geht nichts von der Arbeit und Mühe verloren für die der Familienforscher oft viel zu allein steht, die er nicht allein tragen kann und die oft durch Unverstand verloren geht. Dieser Gefahr kann nur vorgebeugt werden dadurch, daß nicht ein Einzelner sondern die Gesamtheit der Familienmitglieder Besitzer des Forschungsmaterials ist. Diese Gesamtheit leitet über zum
3. Grund, warum ein Familienverband gegründet werden sollte. Dieser Grund ist ein sehr gewichtiger, weil es ein materieller ist. Familienforschung ist nicht nur zeitraubend, sie ist, wenn sie in größerem Maßstab betrieben wird, auch nicht ganz billig. Gerade wenn man über die bloße Namenszusammenstellung aus den Kirchenbüchern erst heraus ist, die hier in Wolfenbütteler Landeshauptarchiv einfach und ohne großen Gebührensätze durchführbar ist, dann beginnt die Forschung in anderen Archivalien und Akten, wie z.B. Erbregistern, Gerichtsakten, Eheverschreibungen, Steuerregistern u.s.w., die oft erstaunlich wenig Material zu tage fördern.
Es folgen Vorschläge zur Finanzierung weitergehender Forschungen, rechtliche Fragen den Verein betreffend, usw. Ein Schlußwort faßt noch einmal breit das schon Gesagte zusammen und zitiert Börries von Münchhausen.
Ein Dichter aus einer adligen Familie mit uralter Familientradition, Börries von Münchhausen, hat diesem Gefühl, daß wir nur Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft sind, in einem schönen Gedicht Ausdruck verliehen, in dem er auf die Heimat und die Gräber seiner Ahnen am Steinhuder Meer anspielt:
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Die fett hervorgehobenen Sätze passen genau zu den Zielrichtungen der Forschungen am Münchener Forschungsinstitut für Psychiatrie! (Verweis)
Der zweite und letzte Familientag fand am 11. 9. 1938 statt. Nach Kriegsbeginn wurden dann wohl die Aktivitäten des Familienvereins der Barnstorfs eingestellt. Am 2. Familientag hielt F.B. einen Vortrag mit dem Titel:
"Die Besitz- und Lebensverhältnisse des Braunschweigischen Bauerntums in früherer Zeit, dargestellt an historischen Forschungen über die Sippe Barnstorf" , ein allgemein interessierender Aufsatz.
Ende 1938 ließ F.B. eine erweiterte und „politisch ergänzte“ Version dieses Vortrages drucken. Die zwei letzten Seiten zeigen dies deutlich in einem Textauszug am Schluss. Dies sollte wohl auch dem Vorhaben einer "Altbauernehrung" des Hofs ass. 4 in Atzum dienen, das aber nie zustande kam.
….Nüchtern und kaufmännich wurde der Beruf des Landmanns, dem sich nun auch wie böse Geister der Kapitalismus und die Spekulation näherten. War früher der Hof als ein Ganzes, gleichsam als die unverletzliche Seele des Bauernrntumes, erschienen, dessen Wohlergehen zum Maßstab der Gesetzgebung gemacht worden, so konnte er nun unter einer liberalen Gesetzgebung im Zeichen des römischen Rechtes zu einem Schacherobjekt gemacht werden, wenn der der Bauer nich gegen diese Versuchung stark blieb. Daß er es nicht immer blieb, daß durch ein für bäuerliche Verhältnisse verhängnisvolles Erbrecht die Höfe zerteilt oder bis zur Unerträglichkeit belastet und dann der jüdischen Bodenspekulation ausgesetzt wurden, daß erst das nationalsozialistische Erbrbhofrecht hier wieder die wohltätigen Bindungen herstellte, die Blut und Boden fordern, das ist allgemein bekannt und braucht hier nur angedeutet zu werden.Wer mir bis hierher gefolgt ist, sieht einen Ring des Werdens sich schließen: Von der sippengebundenen Freiheit des germanischen Allods über eine ständisch bedingte, in machtpolitischen Kämpfen aufgezwungene Unfreiheit, die zeitweilig zu Leibeigenschaft wurde, über einen jahrhundertelangen Gleichgewichtszustand, in dem unser ostfälisches Wesen einen verhältnismäßig glücklichen Kompromiß mit der äußeren Lage seines bäuerlichen Standes einging, zu einem mehr und mehr unheilvollen ungebundenen Liberalismus, dem erst jüngst tiefere Einsicht in das Wesen des Bauerntums wieder zu einer sippenmäßig gebundenen Freiheit verhalf.
So stehen wir am Ende eines langen Weges, auf dem uns die Geschichte unseres Satmmhofes leitete. Noch ist sie in Einzelheiten Stückwerk, aber ich glaube, schon kan sie uns lehren, wie berechtigt unser Stolz ist, einem Geschlecht anzugehören, das nun 350 Jahre auf diesem Hofe sitzt.Was wir von seinen einzelnen Nmensträgern wissen, ist infolge der mangelhaften Überlieferung sehr wenig. Aber der Hof Nr. 4 in Atzum ist wie ein Denkmal für sie alle, die dort Glück und Leid trugen, für sie alle, die von dort auf andere Höfe im Braunschweiger Lande zogen und dort nun auch schon hundert Jahre und mehr den Ruf des Braunschweiger Bauer, erhalten helfen. Dieser Hof ist einer jener gottlob bei uns noch zahlreichen Höfe, die durch alle Stürme der Zeit ihren Besitz ungeschmälert erhalten konnten. Mit 8 Hufen= 240 Morgen tritt er 1566 in das Lich der Überlieferung, mit 228 Morgen liegen seine Felder heute um das alte, kleine Dorf im Schatten der Kirchhofslinden. Ich glaube, es ist für uns alle, die wir Barnstorf heißen, eine Ehrung, die verdient in Anspruch genommen wird, wenn diesem Hof das Schild mit der Odalsrune angeheftet wird, zum Zeichen der Altbauernehrung. Und wenn auch vielleicht dem einen oder anderen Barnstorfschen Hof sonst noch diese Freude verschafft werden kann, wie es geplant ist, immer werden wir es nicht uns, sondern unseren Ahnen zu danken haben, deren Bauern Bauernblut in uns und unseren Kindern fließt. Erst wenn wir uns mit dieser Einstellung den Fragen bäuerlicher Sippen- und Hofforschung nähern, wird uns die tiefe Weisheit jenes oft zitierte, aber selten innerlich erlebten Wortes von Goethe aufgehen:
„Was Du ererbt von Deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen! „