Briefe aus dem Studium an Lisa Utermöhlen. Eine Sammlung von Briefen an Lisa Utermöhlen.

Im Winter 1923 musste Fritz seinen Vater zu einer psychotherapheutischen Behandlung in der Klinik Dr. Bunnemann begleiten. Die folgenden Briefe beschreiben das dortige Klinikleben:

Ballenstedt, 14. 12. 23:

Deine Gelassenheit und Deine Kraft wird siegreich werden über die Gespenster, die ich Dir schicken mußte. Und ich weiß Du willst mir davon abgeben, wenn ich in diesem tagelangen, unbehaglichen Bemühen um Ruhe und Genesungsmöglichkeit für unseren Kranken zuweilen kleinmütig werde. Nur ab und zu ein paar Worte von Dir, daß ich Dein Dasein fühle und weiß, außerhalb dieses Kreises völliger Stille und kranker Nerven gibt es noch alles andere, was man zurückließ: Gesundheit, Lachen, Zerstreuung, buntes Leben.

Soll ich Dir nun das bisschen erzählen, was von meinem Aufenthalt hier zu berichten ist? Ballenstedt ist ein Nest wie Schöppenstedt und liegt da unten irgendwo in Nebeln. Denn unser Sanatorium liegt weit oben am Walde und man geht wohl 20 Minuten bis man zu den kleinen Läden des Ortes kommt. Es ist draußen naß, grau und absolut still. Ein paar Villen stehen rundherum, aber jetzt im Winter sieht man kaum ihre Bewohner, Hier im Sanatorium sind außer den paar Dienstmädchen und dem Dr. Bunnemann, einem älteren, jovialen Herrn, und dessen Frau nebst Primaner-Sohn noch eine Krankenschwester und 4 Patientinnen aus Berlin und Göttingen. Sie sind schon länger hier und kennen sich und ihre Leiden sehr gut. Man kann sie unterscheiden in: eine unangenehm-krankhaft blasierte Frau General a.D., eine überlebhafte 30 Jährige Jüdin unbekannten Standes, ein ältere, einfache, völlig schweigsame Dame und eine sonst ganz normale Frau Baurat aus Göttingen. Wie soll ich nun damit umgehen? Zumal man die Herrschaften nur beim Mittag- und Abendessen oder abends im Billardzimmer sieht. -

Wir haben ein großes Zimmer, das aber nur morgens geheizt wird und in dem ich eben im beginnenden Dämmern und Erkalten sitze und schreibe. Vater schläft, wie er überhaupt viel auf Schlafen angewiesen ist, da er nicht lesen will und sich wegen seiner nervösen Sprachstörungen auch nicht unterhalten kann. Wie das alles nun werden wird, wenn die meisten Hausbewohner Weihnachten fortfahren, weiß ich vorläufig noch nicht und ob wir den Weihnachtsabend bei Dr. Bunnemann verbringen können, ist mir auch nicht sicher. Nur eines steht fest: Langeweile ist genügend da. Denn obwohl ich mir Bücher mitgebracht habe, finde ich doch nicht genügend innere Ruhe, um Schopenhauer oder Spengler mit Anteilnahme lesen zu können. Es fehlt die Behaglichkeit und Sicherheit, die schon durch Zusammensein mit mehr Menschen zustande kommt. Hoffentlich beeinträchtigt dieser Mangel, der im Sommer leicht durch Spaziergänge und größere Bewegungsfreiheit beseitigt wird, nicht die günstigen Einflüsse der Ruhe auf die Krankheit meines Vaters. …..

Ballenstedt, 19.12.1923

 …. Nur über eins will dich dein Sorgenkind von vornherein beruhigen: Das Essen ist sehr gut, wie es sich für ein Erholungsheim und für den Tagespreis von 9 M. Gehört. Schlagsahne gehört zu den gewöhnlichen Leckerbissen… Und was die Tischgesellschaft anlangt, so wird sie Tag für Tag kleiner, denn jeder will Weihnachten zu Hause sein, aber sie wird auch sympathischer. Über den Sanitätsrat weißt Du schon so viel, daß er jovial und freundlich ist. Ich füge hinzu, daß er außer seiner nervenärztlichen Wisenschaft auch Dichtung und Musik pflegt und ausgezeichnet Klavier („Flügel“) spielt sowie komponiert. Sein Sohn, ein Primaner, ist behaftet mit den Eigenschaften seiner Jahre ( ! Setzt hier Selbstkritik ein ???!): Hohe Einschätzung des lieben Ich und möglichstes Zurschaustellen der erworbenen Weltläufigkeit im Poussieren, Tanzen und dergl. Die unangenehme Frau General stellt sich bei näherer Betrachtung als ganz gutmütig heraus und läßt ihre steif-vornehmen Allüren als Ausfluß ihrer hochgradigen Übersensibilität und psychischen Erkrankung erscheinen, worunter sich aber trotz ihrer altadligen Herkunft( ihr Vater war königl. dänischer Oberhofmarschall) Menschlichkeit und Zugänglichkeit verbirgt. Sonst ist da noch ein junger Maler aus Kiel, der heute ankam und ganz sympathisch scheint. Auch die übrigen Damen gewinnen bei näherer Betrachtung. Aber im ganzen herrscht doch ein gewisser förmlicher und gesellschaftlich-manirierter Ton, der deinem Jungen, wie Du Dir denken kannst, zunächst etwas schwer fällt. Noch dazu hat er keinen Gesellschaftsanzug, denk dir, Liebes, ist das nicht ein unmöglicher Mensch? Ich freue mich, daß Du mit meinem blauen Manchester zufrieden sein wirst und mich darin tausendmal lieber stürmisch umarmen und zurecht zupfen wirst als in meinem Langschößigen -

Ballenstedt, 26.1. 1924

 … Seit Dienstag mittag bin ich wieder hier und versuche meine kleinen Obliegenheiten auszuführen wie vorher, was mir auch so gut gelingt, daß die Zeit, die vormals so träge hinschlich (wohl weil unsere Weihnacht so vor uns lag) unbemerkt ins Laufen kommt und kaum glauben läßt, daß ich nun schon 5 Tage hier und eine Woche ins neue Lebensjahr meines Mädchens hinein geraten bin. Dazu hilft wohl die Gesellschaft meines Freundes Olde sowie eines anderen Berliner Herren und das größere Leben und Treiben hier im Sanatorium, das jetzt an die zwanzig Kurgäste aus allen Teilen Deutschlnds beherbergt. Fast täglich kommen neue, so heute aus Königsberg und Tilsit (!) und vermehren Geselligkeit und Durcheinander. Das es zumeist Damen sind (in allen Lebensaltern und Stadien der Damenhaftigkeit), so schließt sich der Bund der Männlichkeit um so enger zusammen. Und ich fühle mich immer ein wenig erleichtert, wenn ich einmal Herrn Olde oder Herrn Wiesner gegenüber ein bisschen derber und herzhafter reden kann, als die ewigen Höflichkeitsphrasen bei eurem so zarten Geschlecht es zulassen. „Gnädige Frau“ und „gnä‘ges Frollein“,- na, Du weißt wie ich das liebe! Und dabei ist noch nicht einmal eine Frau Generaloberst dabei, sondern die akademischen Berufe herrschen jetzt vor: Frau Justizrat aus Kiel (ganz umgänglich), Frau Baurat aus Göttingen, Zuckerdirektor aus Genthin, Senator aus Emden. Aber wie gesagt, die Zeit geht dahin mit Schlafen, Essen und Lesen und so geht Vormittag in Nachmittag und Abend über und Woche in Woche.

Briefe aus der Studienzeit 1924 - 1934

Vorweggestellt hier die Universitäten, an denen Fritz Barnstorf sein Medizinstudium absolvierte: 

Sommersemester 1923 Kiel, Jura

Wintersemester 1923/24 Göttingen, Jura

Sommersemester 1924 Göttingen, Medizin weiterhin

Wintersemester 1924/25 Berlin

1925 – März 1927 Göttingen

Sommersemester 1927 München

Wintersemester 1927/28 Berlin

Sommersemester 1928 Hamburg

Wintersemester 1928/29 Berlin

Sommersemester 1929 Göttingen

 Braunschweig, Göttingen

 Braunschweig, 22. 2. 1924:

 … So, über die Tageseinteilung oder wenigstens Zerstreuungen des stud. jur. Barnstorf bist Du nun informiert. Nun laß mich ein paar Augenblicke hinaussehen in den blauen Sommermorgen, in den sich ein trüber Tagesbeginn verwandelt hat. Du sitzt vor deinen Schülerinnen und quälst dich und sie mit Verbalkonjugationen oder trigonometrischen Konstruktionen, ich sitze hier faul und unzufrieden vor einem Brief, der blaß und lau geblieben ist. Ist das der rechte Platz für uns beide ? Vielleicht nickst Du und bist zufrieden, denn Du hast Sinn und Halt in dem was Du tust, in dem Kneten und Formen zäher Abstraktionen. Ich aber schlage meine Bücher auf, lese und suche hinter das Gewebe der Rechtssätze zu kommen, es gelingt, und dann plötzlich sehe ich durch sie wie durch Wesenloses, das mich nicht zu halten vermag. Ach, Liebes, ich glaube ja, es ist ein Zustand wie eine Kinderkrankheit, die jedem Studium anhaftet, daß man zeitweise unbefriedigt ist von dem Stoff, mit dem man schalten (?) soll. Und wenn mich ab und zu der Wunsch beschleicht, umzusatteln und in der Medizin, dieser wirklichkeitsnahen, grausamen und dennoch barmherzigen Wissenschaft, weiterzuforschen, dann hält mich neben rein praktischen Bedenken wohl doch der Wille zurück, nun erst recht ein Verlegenheitsstudium (das ist‘s bei 80 % der Juristen) für sich passend zu machen und darin den Wert der Persönlichkeit zu erproben, die sich die Verhältnisse zwingt. Aber schwer wird es sein und immer wird ein Eckchen in mir leer bleiben, denn „Beruf, Berufung“ ist mir das Richteramt (wenigstens in seinem vielfachen, belastenden, unsinnig verwirrenden Kleinkram ) nicht.Solange ich haltlos plätschern darf in dem Meer der Vorschriften und Theorien und nicht praktisch das Leben hineinlauschen kann in das reinigende Bad der ewig strengen Gerechtigkeit ( oh weiser Salomo! ) solange ich nicht die Arbeit tue für Menschen, für einen einzigen Menschen, für dich, - solange wird diese Jus wohl eine riesige, weiche Masse für mich bleiben, in der ich bald oben auf bin, bald sie über mir ist. ( So eine Art Gulliver im Kleistertopf ! )

Nur, meine Lisa, laß dich nicht beunruhigen von diesen Tönen des Mißmuts. Es sind ja nur die häßlichen dissonanten Töne, die fast jeder zu hören kriegt, der zwei widerstrebende Flächen aneinander reibt. Das schleift sich dann ab und es wird ein erträgliches Geräusch daraus….

Das Jurastudium wurde aufgegeben und ein Medizinstudium in Göttingen aufgenommen.

 Göttingen, 1.5. 1924

Mein weißer Kittel hängt bis jetzt noch „Am weißen Stein 26“ und „harrt seiner Stunde“. Die schlägt am Sonnabend morgen, wo von 9-12 botanisch mikroskopisches Praktikum ist. Außer dem Mantel werden benötigt: 6 große und kleine, scharfe Messer, Scheren und Zangen, was man anatomisches Besteck nennt, zwei Lehrbücher und – nein, nun ist‘s zu Ende. Heute morgen waren die ersten Vorlesungsstunden: Botanik d.h. Systematik der Blumenpflanzen, was mir ein wenig unverständlich ist, da scheinbar Kenntnisse in der Morphologie und Biologie vorausgesetzt werden. Dann Chemie: äußerst einfache und für den Bruder eines Chemikers bekannte Dinge.

Außerdem war ich in einer anatomischen Vorlesung über das Nervensystem, aber die ist für 3. Semester.

Morgen fange ich mit meiner Anatomie über Knochen, Muskeln und Bänder an. Und so kommt das Uhrwerk langsam in Gang. …

Am Sonntag werde ich nach Haus fahren. Ich bleibe dann in Weferlingen und will an mein Mädchen denken, das sich dann dem deutschen Volke zu ersten Male in seiner ganzen Verantwortung und politischen Reife aktiv wahrnehmbar machen soll. Ach Liebste, Du bist eine „Deutsche Frau“, an die in diesen Tagen die rührendsten und dringendsten Bitten von allen Parteien ergehen, das Vaterland zu retten, indem Du Liste 1-14 deine (für das deutsche Volk wie für deinen Jungen ) so gewichtige Stimme gibst. Ich verstehe, daß Dir die Wahl wirklich zur Qual wird, denn - um ohne Ironie zu reden - , wem darf ein Freund der Wahrheit und Gerechtigkeit, ein denkender und wahrhaft guter Patriot, d.h. einer, den einige Bande an sein Land fesseln, mit gutem Gewissen glauben, wem von den 14 mehr oder weniger geschickten Rednern, die für 4 Jahre sich vom Volke für ihre Tätigkeiten bezahlen lassen wollen? Mir geht es wie dir, und es ist kaum mehr als Verlegenheit, wenn ich die Partei wähle, deren Wirken ich augenblicklich für am wenigsten schädlich halte, die Deutsche Volkspartei. Von den beiden oder den drei äußersten Rechten schreckt mich der Mangel an klaren und kühlem Denken zurück, den Unbesonnenheiten und Lächerlichkeiten wie Hitlerverehrung und Putschversuche beweisen. Kommunismus und Sozialdemokratie verlieren sich an Hetze, Parteidogmentum und Lohnkampf. Alle übrigen Parteien haben einen Mangel an Physiognomie, der sie mir augenblicklich nicht wünschenswert macht, denn wir brauchen jetzt den Rückschlag vom roten Radikalismus ins ausgesprochen Nationale, um sich diese beiden Gegensätze allmählich ausgleichen zu lassen. Nur muß man dabei bremsen und das meiner Ansicht nach ganz geschickt die D.V.P., ohne daß ich ihre Mängel verkenne. Ich bitte dich, Liebes, folge meinem Rate und genüge deiner Wahlpflicht in derselben „garantiert unschädlichen“ Weise. Persönliche Neigungen zu irgend einer der anderen Interessenvertretungen wirst Du bei deiner politischen Ungeschultheit ( Gott sei Dank) nicht haben und wirst Dir diese Wahlbeeinflussung von maßgebender Seite gern gefallen lassen. Beachte die Wahlregeln, die ich Dir beilege und nimm keinen zu großen Anlauf beim ersten Sprung in die Politik. Viel kraft ist dazu nicht nötig.

 Juli 1924, eine Bemerkung zu einem Päckchen mit Heidelbeeren, das Fritz von Lisa bekam:

So muß den heimatfernen Menschen im Kriege das Paket von daheim gefreut haben, aus dem ihm all das zärtliche-innige Sorgen und Betreuen entgegenduftete, das er dahinten gelassen hatte. Manchmal kann ich die Lage dieser jungen Menschen, die einer Liebsten oder Braut solche Sendungen zu danken hatten, mit eigenem Durchleben so gut verstehen. Und habe dann immer den seltsamen Gedanken: Vielleicht ist auch uns noch einmal dies Schicksal bestimmt, so von Zwang und Elend auseinander gerissen zu werden in den kommenden Jahren, die nichts Friedliches versprechen. Du, dann vielleicht schon enger mit mir verbunden, da drinnen im Lande und ich da draußen irgendwo im Waffendienst… wer weiß … aber dann muß ich lächeln: Denk mal, ich mit dem Mordgewehr, ich, dein kriegsfeindlicher, schwacher Pazifismusjunge!

 Berlin-Steglitz, 25.10. 1924

Bemerkungen zum neuen Leben in einer Großstadt, der Gegensatz eines Lebens in der „Provinz“:

Und darum hänge ich mir mit viel Vergnügen die Maske vor, die man hier gebraucht, und tue so, als ob mich nichts mehr erstaunen könnte und als ob alles dies, was einem hier das Leben erleichtert: Der Luxus, der Verkehr, die Reklame speziell für mich erdacht und eingerichtet sei. Du solltest mich sehen, wie ich nachlässig dahin schlendere, dann wieder renne als gelte es mein Leben oder eine Verspätung von ¾ Sekunden einzuholen, in der Untergrund sitze und rauche und mich so benehme als wäre ich als einer von den entsetzlich frechen Bengeln auf die Welt gekommen, die ihr fürchterliches Berlinerisch überall hören lassen. Kühl gehe ich vorbei an den Blumenfrauen des Potsdamer Platzes: „Na Herr Jraf, wie wär‘et mit en Sträußchen für Frollein Braut! Nu, kiek Dir det schiefe Jestelle an, oller Jammerprinz! „ - Ach, neulich mußte ich lachen, als in der U-Bahn ein dicker Herr, den ein unartiges Kind störte, mit tiefer Stimme und eifrig bemüht, sich „jebildet“ auszudrücken, rief: „Aber Madam, sehen Sie denn nicht, det die Mitreisenden (!) durch det Jebaren dieses Kindes belästigt werden? „

Dann war ich am Donnerstag in einem Theater, wo ein Komiker auftrat, der mich durch die unaufdringliche Kraft seiner Darstellung beinahe vom Atem gebracht hat. Das war Karl Valentin aus München. Er spielte mit einer Schauspielerin, die als dicker Kapellmeister auftrat, eine Szene „Vorstadttheater“ und brachte es fertig, ganze zwei Stunden lang durch diese beiden Rollen einen im Lachen zu halten. Es gab keine Handlung, sondern nur die Darstellung einer Musikprobe in einem schäbigen kleinen Theater, wobei Valentin ein Musiker war, der in seiner Verträumtheit und Unbeholfenheit alles stört und falsch macht. Dann entspannen sich lange Auseinandersetzungen mit dem Kapellmeister und das alles in einem echten, behaglichen Münchener Dialekt. Und durch all die tollen Faxen schimmerte die Tragik hilflosen Menschentums so eigentümlich hindurch, daß dieser Abend eines meiner stärksten Theatererlebnisse bleiben wird.

Es werden sich wohl noch manche dazu gesellen, denn Berlin hat über 30 Theater, die Studenten haben fast überall 50 % Ermäßigung und – Du kennst mich doch. Einstweilen habe ich noch viel Zeit dazu, denn die Vorlesungen beginnen erst am 30. Oktober und meine Immatrikulation ist gestern schon erledigt. In den acht Tagen will ich nun versuchen, diesem Stadtungetüm ein wenig auf den Leib zu rücken.

Steglitz, 31.10. 1924

Ernste Arbeit hat mein Tag noch nicht viel. Heute erst begann Chemie und Physik. Die Lehrer sind nicht so gut wie in Göttingen, vor allem der Physiker (und sein Hörsaal) II. Klasse. Am Dienstag geht der Präparierkurs an. Bis dahin führe ich dies Wanderleben noch weiter, das mich morgens gegen 10 aus dem Hause führt und auf Exkursionen in die verschiedenen Stadtteile bringt. Auf diesen Wegen überkommt mich dann wohl auch eine leise Angst vor der Unendlichkeit dieser Steinwüste, in der man nirgend einem Gesicht zum zweiten Mal begegnet. Ich komme mir vor wie ein dummer, staunender Neger inmitten von habgierigen, schlauen Weißen. Aber das währt nur Sekunden lang, dann kann wieder die Bewunderung vor der Größe der Menschenarbeit überwiegen, die so deutlich sichtbar ist, vor der donnernden Mühle der großen Plätze, in der die Zeit zu Staub zermahlen wird im Rhythmus von: „Verdienen, Überflügeln, Vorwärtskommen! „ . Oder vor der Größe stummer Zeugen einer reichen Geschichte, wie sie als alte Denkmäler und historische Bauten prunkvoll dastehen und erinnern; oder in der blätterraschelnden Herbstmüdigkeit weiter, lichter Gärten, um die wie die Brandung um eine Insel der verklingende Lärm des Verkehrs kreist. All das kann schön sein, wenn einen die rechte Stimmung faßt und man richtig sehen lernt. Und ich freue mich so darauf, das mit Dir einmal entdecken zu können, wenn Du dich aus der Enge deiner jetzigen Welt einmal in die Weite meiner jetzigen wagen wirst!

Und doch sind die eigentlichen Inseln in der Unrast dieses Stadtgeschehens die Kunststätten. Irgendwie strömt aus den Museen oder Theatern eine lindernde Ruhe und Gastlichkeit, wiewohl fremde Menschen das alles machen. Die große Überpersönlichkeit der Kunst muß es wohl sein, die mir da ein Gefühl des Zuhauseseins gibt. Und das ist schön, daß ich immer wieder dies Leben des Geistes meiner Seele verwandt fühle und so überall eine Stätte des Friedens finden werde inmitten des Feindlich-Fremden.

Gestern Abend war ich im Staatlichen-Schauspielhaus in „Wallensteins Lager und Die Piccolomini“ . Die Aufführung unter des Intendanten Jeßner Regie in dem vornehm-schlichten und kulturvollen Bühnenhaus war wie eine klingende Trompetenfanfare. Noch nie bin ich über das Pathos Schillers so besiegt hinweg getragen in das Gefühl, ein Heldenschicksal zu erleben. Farbe und tausend leuchtende Einzelheiten hatte dies wilde Reiterbild, in dem Werner Krauß – vielleicht hast Du schon von ihm gehört – als Wallenstein stand. (Ich schicke Dir ein Bild von ihm mit). Wie das alles sprühte von Leben und Bedeutung! Dank einer Meisterleistung von Regie gab es keine leeren Stellen und Deklamiererei. Dem Zusammenspiel dieses erstklassigen Ensembles, das auch in den Nebenrollen gute und reife Künstler beschäftigen kann, fehlte all das Schwerfällige, was auf unserer guten Braunschweiger Bühne die Klassiker so unaufführbar macht. „Wallensteins Tod“ am Montag wird sicher eine Fortsetzung dieser wundervollen Leistung werden.

Sonst bin ich noch einmal im Theater gewesen und zwar in einer der Riesenausstattungs-“Revuen“ wie sie jetzt einen Teil der Berliner ( und Pariser und Londoner ) Bühnen beherrschen. Das ist ein Mischmasch von Operette und Posse; mit ungeheuren Mitteln werden Tänze und Pantomimen, unterstützt von mangelhaften Sängern, mit verschwenderischen Kostümen und Modenschau zusammengequirlt zu einem undefinierbaren Gebilde, das die typische Großstadtkunst ist: Auf nackten Beinen und möglichst ausgezogenen Tänzerinnen die gleich zu 50 auf einmal auftreten, wird der Accent gelegt, die Wirkung eines zündenden Schlagers tut das ihrige dazu, um das staunende Publikum zu begeistern. Ich habe nie geglaubt, daß man die Spekulation auf die Erotik so geschickt mit wirklicher Freude an geschmackvoller Schaustellung verbinden könnte. Mir war diese Gattung „Kunst“ völlig neu. Daß sie mich zu sich nicht gerade bekehrt hat, obwohl mich manches amüsierte, kannst Du Dir denken. Zur Zeit laufen in Berlin seit 3 Monaten jeden Abend 4 große Revuen, von denen jede „Die größte der Welt“ ist. Naja…

Was meine leibliche Verpflegung anbelangt, so wird sie mittags von einem der vielen Aschinger

mit billigen, aber gutem und reichlichem Essen sichergestellt. Außerordentlich interessant sind diese Speisungen der Zehntausend, in denen man Berlin sehen kann wie es ißt. Eine ganz famose Einrichtung! Wie überhaupt vieles in dieser Stadt, die des Reiches Haupt zu sein beansprucht. Untergrundbahnen etc. - Du brauchst Dir ja keinen „nachlässig Zigaretten rauchenden“ Jungen darin vorzustellen – ja, ja, es kann schon schön sein, sich wie ein Fisch zu fühlen, der ganz ungestört und unerkannt in dem großen Strom schwimmen darf. ...

Steglitz, 7.11. 1924

Immerhin habe ich doch bisher meiner seelischen Tätigkeiten einen großen Platz in meiner Wochenchronik gegeben (fällt Dir diese halb unbewußte Zweiteilung unserer Briefe nicht auch auf?), so daß nunmehr wohl mit vollem Recht das sichtbare Tun und Treiben des jungen Herrn Barnstorf geschildert werden kann. Du bist ja so neubegierig darauf! Aus dem Stundenplan siehst du, daß mein Tag um 7 Uhr anfängt. Dann weckt Klappern und Küchengeräusch, herrührend von der Milch aufkochenden Frau Popp (die Wirtin) , einen Schläfer, der‘s gern länger wäre. Aber die Lisa auf seinem Nachttisch – was sie wohl für ein Gesicht machte, wenn ich einfach liegen bliebe ?? - nein, rrraus!!! Na, das sind so Allmenschlichkeiten. Und wenn dann mühsam die heiße Milch vertilgt ist, geht‘s eilig in 5 Minuten zum Bahnhof (Steglitz). Der erste Zug, der kommt, wird genommen. Sie fahren um diese Zeit all 4 Minuten und sind voll von zeitunglesenden Leuten, die Arbeit fahren und vorher noch einen Mund voll Tabakqualm nehmen. Dein Liebster bemüht sich, durch nichts von seiner Umgebung abzustechen. Und dann kommt nach 13 Minuten der Todesweg über den Potsdamer Platz !! Der berühmte Turm ist zwar noch nicht in Betrieb, aber es geht auch ohne seine farbigen Lichtsignale. Und meine Liebste hat ihren Studenten ganz richtig eingeschätzt: Ich habe mir die gleichfalls in der „Woche“ stehende Mahnung zu Herzen genommen: „Don‘t be a goose!“ und gehe schnurgerade über die Königsgrätzer, wobei mein Kopf elastisch von links nach rechts hin und her zuckt. Dann heißt es, die passende Elektrische (1, 23, 51) zu finden, die einen auf den Weg zu Anatomie bringt. Hier wärmt man alte Knochenerinnerungen (?) auf (bis 10 Uhr), verwendet die Zwischenstunde für unbezahlte Vorlesungen in den Kliniken gegenüber (so habe ich heute Chirurgie gehört) und geht dann zur Chemie in die Hessische Straße. Von da zur Physik und dann folgt das Diner bei Aschinger am Bahnhof Friedrichstr. (1 – 2 Uhr) Hinterher gehe ich meist zur Universität in die akademische Lesehalle und orientiere mich in der „Landeszeitung“ (Wolfenbüttel) über die Ereignisse in der Heimat. Daran schließt sich ein Spaziergang in irgendein noch unbekanntes Stadtviertel an. Ich habe nämlich wider Erwarten noch nicht mit Präparieren angefangen, da ich noch kein Präparat bekommen konnte. Es sind sehr viel Arbeitslustige und sehr wenig Leichen vorhanden. Ich muß erst mal sehen, wie ich nun die Sache einrichte. Wahrscheinlich werde ich schon am Bußtag nach Haus fahren und bis zum Totensonntag dableiben und da wird es wohl kaum Zweck haben, daß ich vorher eine Arbeit beginne, denn ich muß dann die betr. Körperstelle in einem Mal ohne Unterbrechung durchpräparieren. - Und wenn dann die Lichter aufstrahlen, oben am Himmel und unten in den Straßen, dann gehe ich manchmal zu Wertheim, trinke in der vorzüglichen und billigen Konditorei ( es hat alles!) Kaffee, hole mir aus der großen und reichhaltigen Bibliothek (es hat alles!) ein Buch, besorge mir auch wohl eine Theaterkarte (es hat alles!) oder Wurst zum Abend und fahre dann so gegen ½ 6 nach Haus. Wenn ich ins Theater gehe, fahre ich um 7 wieder in die Stadt und komme so gegen 11 Uhr wieder zurück. Siehst du, das ist so ein Alltag deines Jungen. Er gleicht wohl im großen und ganzen dem gewöhnlichen Semesteralltag, nur daß um ihn die vielfach lockenden Ablenkungen der Großstadt glitzern. Die einem manchmal gefährlich werden können, meinst Du nicht auch, gestrenge Lehrerin? …

 … Am Sonnabend war ich in „Mona Lisa“. Deine Namensvetterin war doch ein rechtes Biest! Michael Bohnen, einer unserer besten Baritonisten sang und Schillings, der Komponist und Intendant der hiesigen Oper dirigierte. Es war zwar eine vortreffliche Aufführung, aber sie reichte nicht an den Eindruck jenes „Wallenstein“ heran, der nun im „Tod“ seine wundervolle, tragische Krönung fand. Gestern erlebte ich das. Das Beschattete des Stückes kam schon im Bau der Szenerie zum Ausdruck. Dazu aber die echte, große Leistung Leistung Werner Krauß‘. Wie er hineintrieb in seinen Machthunger, in die Verlockungen seiner Umgebung und dabei doch rätselvoll unter dem lähmenden Einfluß der Gestirne stand, das trug er mit so selbstverständlicher Ergriffenheit zur Schau, daß in jeder Geste seiner Hände, die er so vollendet zu beleben weiß, Schicksal lag. Unvergesslich ist der Schluß des 2. Aktes: Wallenstein hat sich zum Abfall vom Kaiser entschlossen. Aus der lähmenden Willenlosigkeit keimt plötzlich ein großer Plan. Und während er ergriffen von seiner Idee ins Leere starrt, beginnen draußen ganz fern dumpfe Trommeln zu tönen, in wildem, barbarischen Rhythmus. Und das Gedröhn wird lauter und zu einem stählernen Marsch, der während des Zwischenaktes vorüberrauscht, bis sich der Vorhang öffnet. Wie dadurch die Wirkung des gesprochenen Wortes unterstützt wird! Viele große Bilder gab‘s: Wie plötzlich der ganze Saal voll wird von schwarz gewandeten Unholden, die immer noch und noch hereinströmen, ihren Führer Max zu holen. Wie dann später Wallenstein nach der Weise der fernen Musik, die Terzky und Illo zum Tod aufspielt, einige Tanzschritte tut, in dem schon etwas vom Grauen vor dem nahen Ende ist. Ich werde Dir noch mehr davon zu erzählen haben. …

 Steglitz, 24. 1. 1925

Ich komme eben aus dem „Deutschen Opernhaus“ Charlottenburg und habe aus dem schönen Theater und einer höchstens mittelmäßigen Aufführung allerhand mitgebracht. Es war die schwelgerische, leuchtende Musik Wagners, seines „Siegfried“, die mich nun zum x-ten Male bezaubert hat, seit jenen Tagen atemlosen Genusses im Braunschweigischen Hoftheater ( so hieß es damals noch ). Aus den zart flüsternden Klängen des 2. Aktes ist mir eine so starke Sehnsucht nach dem sommermittäglichen Walde ins Herz geweht. Ich hatte diesen Drang oft in der letzten Zeit und bin so froh, daß Du ihn verstehen wirst. Vielleicht ist es der Druck der großen Steinwüste, der mich so aufseufzen läßt, vielleicht ein Teil meines (trotz allen Versuchungen) immer noch von großstädtischer Zivilisation nicht genug angebohrten Wesens…. Und darum muß ich für den Sommer wieder hinaus in ein bergumkränztes Städtchen (Göttingen?), in dessen Gassen Duft des Landes hineinweht. …

 … Mancherlei Eindrücke der letzten Woche konnten nicht ohne Deine besänftigende Stimme zur Ruhe kommen. So war ich am Sonnabend im Romanischen Café; das ist der berühmte Treffpunkt der sogenannten geistigen Welt, der Literaten, Maler und sonstigen Geistesfürsten. Ich habe vor dieser Sorte von Kulturfreunden, vor den „Zivilisationsliteraten“ wie Th. Mann sie nannte, allen Respekt verloren. Es war wie eine apokalyptische Vision einer sterbenden Kultur als ich diese phantastische Gesichter erblickte: Feiste, orientalische Schieberbacken neben bleichen, grauen Askesenfratzen, angemalte Weiber, Halbverhungerte, Spekulanten, viele Hohlköpfe, Dirnen und dazwischen hin und wieder eine interessante und bedeutende Figur. Ich wurde mit einem Maler v. Mücke, einem Bruder des bekannten Kapitäns, bekannt und durch ihn bekam das ohnehin schon phantastische Bild erst recht eigentümlichen Reiz, denn während wir so die Typen unseres kulturellen Niedergangs betrachteten und kritisierten, redete er gläubig und hingegeben von seltsamen astrologischen Prophezeiungen, von Magie der Sterne und solchen okkulten Dingen, fürwahr eine rechte Weltuntergangsstimmung. Zum Schlusse bekam der Eindruck immer mehr etwas Gespenstisches und ich fragte mich am anderen Morgen, ob ich alles etwa bloß katzenjämmerlich geträumt habe. Aber es blieb Wahrheit.

Steglitz, 20. 2. 1925

eine liebe Phrase von Dir ist die „epische Breite“ eines Textes, die ist von dem „Zauberberg“ auf mich übergesprungen, den ich in den letzten Tagen schrittweise und bedächtig genießend umwandelt habe. Ja, genießend. Denn was Schumann im „Kunstwart“ schreibt, das ist für mein Gefühl nur zum Teil wahr. Es ist vielleicht sonderbar, daß ich mich bei einer entscheidenden Frage im Falle Mann unbedingt auf die Seite des Gestern schlagen würde, obwohl ich dem Heute zugetan sein sollte. Was Schumann ?? Heute-Mensch behauptet, daß das Buch ein Haufen von belanglosen, nüchternen Notizen und Beobachtungen sei, das ist wenn auch stellenweise wahr, so doch aufgewogen durch die klare und ergreifende Haltung der Persönlichkeit des Dichters hinter dem Schleier der nichtigen Vorgänge. Ich spüre wie überall in Manns Lebenswerk die mitleidige Resignation eines großen Menschenkenners und -freundes heraus aus diesem weisen, zergliedernden Monolog mit der Zeit. Gewiß, dem Menschen, der die jetzige Zeit brutal zu durchleben vermag, der dem blutigen Ernst den gleichen zähen Kampfeswillen entgegenzusetzen mag, dem ist das eine kraftlose Haltung. Aber mir erscheint sie würdig und trostvoll, obgleich sie an allem lächelnd zweifelt. Und dann verdankt wohl jeder, der ernsten Willens zu dieser Kunst kommt, seiner Beschäftigung damit eine Bereicherung seines inneren Gehörs, das hinter all den oft so artistisch und affektiert scheinenden kunstvoll gefeilten Sätzen eine leise, ziehende Musikalität erlauscht.Vielleicht liegt das an meiner besonderen Begabung für den Klang des Stils, über die ich mich von je gefreut habe, daß ich so fühle. Aber keiner wird leugnen dürfen, daß an vielen Stellen der langen Wanderung um den Schneeberg da oben das Aufspüren des Wortsinns bis in die letzten, mystischen Tiefen der Psyche dringt, daß ein unerklärlicher Formzauber am Werke ist, daß es hinter dem kühlen Gelehrtendeutsch dunkel rauschen kann wie vom Todesfluß und daß viele Szenen so bohrend schmerzlich in unser Inneres dringen, wie es nur dichterisches Erleben vermitteln kann. Joachims Tod ist wundersam bannend, wie Thomas Mann den Tod schon in den „Buddenbrooks“ mit unerhörter Meisterschaft gestaltete. Kurz, mir ist das Buch nicht zur Anregung nur geworden, es ist eines meiner stärksten Erlebnisse in der Begegnung mit Thomas Mann und der Literatur überhaupt. Du, da bin ich in eine Beredsamkeit geraten als sollte ich für den „Sonnigen Weg“ eine Buchkritik schreiben und nicht meiner Lisa einen Liebesbrief….

Berlin, 5. 3. 1925, Postkarte

Der Leichnam des am 28. Februar verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert wird durch ein Spalier von Hunderttausenden von der Wilhelmstraße über den Reichstag zum Potsdamer Bahnhof geleitet und von dort in seine Heimatstadt Heidelberg überführt.

Ich kam mitten hinein in die Vorbereitungen zu dem Trauerzug. Selbstverständlich zog ich mit männlicher Neugier sofort los. Aber es lief hier nicht wie Neuen Testament: „Die Letzten werden die ersten sein „. Ich habe von 2 – 4 darauf gewartet, daß mich ein gütiges Geschick nach vorn schöbe. Als ich aber erst merkte, daß nicht einmal die Berliner durchsichtig sind, verzagte ich. Man sah nur unbarmherzige Schutzleute und breite Rücken. Vom Reichstag bis zu Potsdamer Bhf. eine Menschenmauer. Auf den Dächern desgl.. Und ich mittendrin! Mein Sinnen und Trachten ging auf Rückzug,als um mich zahlreich Schaulustige in Ohnmacht sanken. Nach 1 stündigem Umherirren durch abgesperrte Straßen kam ich wieder zum Wannsee Bhf. Ich habe außer der schönen Straßendekoration nichts gesehen. Bei euch in Mattierzoll ist der Leichenzug ja auch durch gekommen…

Fortsetzung des Studiums in Göttingen 1925/26

Brief von einer Reise zu den Eltern eines ehemaligen Mitschülers, Peter Diederichs, in Jena.

Jena 28.9.1926

und dann setzte ich mich in einen Schnellzug und dampfte aus der flachen, eindruckslosen Rüben und Kartoffelebene in das grüne Saaletal, an der berühmten Rudelsburg vorbei in den Talkessel hinein, in dem Jena liegt. Um ½ 3 war ich da und wurde zur Diederich‘schen Villa gebracht. Sie liegt hoch am Berg und nach allen Seiten hat man einen Ausblick auf die Berge, die nicht sehr hoch, aber steil Jena einschließen. Und da sitze ich nun am Schreibtisch, früh morgens, und berichte meiner Liebsten die ersten Eindrücke. Sie sind durchweg freundlich, obwohl ich nur einen Nachmittagsrundgang und ein paar gemeinschaftliche Mahlzeiten erlebt habe. Ich wohne außerhalb des etwas platzbeschränkten Hauses, in dem Diederichs nur eine Etage bewohnen, in einem sehr netten kleinen Gasthause, der Ölmühle, in der Goethe immer bei seinen Ausflügen nach Jena abstieg. Aber außer Nachts bin ich immer in dem büchergefüllten Hause, in dem so ein ganz anderer Ton ist als in unserer gewohnten Umgebung. Die beiden alten Diederichs, Eugen und Lulu, werden von Menschen, die uns aus der Literatur bekannt sind, so als ob wir von Frau Honigbaum oder Otto Moshake reden. Das klingt sonderbar, trifft aber ungefähr das Verhältnis einer mehr oder weniger guten Bekanntschaft. Und von manchen Dichtern redet man familiär wie von Verwandten. Das ist ungewohnt und seltsam. Aber es sind prächtige Leute: der Papa Diederichs, ein behaglicher älterer Herr, der gestern erst von Wien kam undmit so humorvoller Stimme kleine Abenteuer berichtete. Er hat eine gewaltige Baßstimme und kann prachtvoll erzählen. Seine Frau, von ihren Stiefsöhnen „Lulu“ genannt, ist fast mehr Hausfrau als das , was man sich unter einer Balladendichterin vorstellt. Sie schreibt auch, wie sie mir vorhin erzählte, fast nicht mehr, da sie ganz von der Verlagsarbeit, dem Lesen und Begutachten von Manuskripten beansprucht wird. Ich habe mich beim Kaffee sehr sehr gut mit ihr über Ina Seidel und Agnes Miegel, ihren Freundinnen, unterhalten. Dann ist da noch Niels, der aus Schweden heimgekommen ist und ein junges Mädchen, das den Haushalt besorgt.

Abends.

Wir waren heute morgen in Jena herum. Es ähnelt in manchem Göttingen, nur hat es mehr historischen und anekdotischen Reiz. Alt ist manches, aber das Neue, vor allem repräsentiert durch den gewaltigen Komplex der Zeiß Werke mit all ihren kulturellen Bestrebungen fügt sich dem schön und gut ein. Auf dem Marktplatz dampfen die Bratwurströstereien und vorbei am am „Paradies“ zieht die Saale. Nachmittags waren wir im Planetarium , und damit ist ein kleiner Vorsprung, den Du hattest, eingeholt. Es war wirklich erstaunlich. Das ist bestimmt eines der größten Weltwunder, hier in Jena, an seiner Geburtsstätte, doppelt reizvoll. Wie getreulich wanderte unser Bär um seinen Polarstern , wie behend schnürte (?) unser Mond durch alle seine Phasen hindurch, wie vergehen die Jahre und Jahrhunderte. Ein ganz neuer, unvergeßlicher Eindruck. Dann machte Peter noch mit seinem Motorrad eine Probefahrt mit seinem Gast hintendrauf, denn morgen wollen wir hinüber nach der Leuchtenburg, der klassischen Jugendherberge, einem Heiligtum der Freideutschen.

Heute abend saßen wir alle bei Vater Diederichs im büchervollen Arbeitszimmer und ließen Niels und Peter von Norwegen, den Lofoten und Lappland erzählen. …

Göttingen, Dezember 1926

Klassenkamerad R. Kühnhold promovierte 1926 in Physik und wohnte 1926 zusammen mit Fritz in einem Haus

...Ich bin auch etwas faul gewesen, denn ich war Dienstag beim Geburtstagsfeiern mit Kühnhold, Heinrich und Glühwein, am Mittwoch bei Kühnhold, der oben im Rohns wohnt (!) und durchaus seine Bude einweihen wollte. Ja, er ist am Sonntag überraschend aufgetaucht, hat seinen Antrittsbesuch gemacht und mich abends ins Theater zu einem Schwank entführt. Er arbeitet da oben an sehr interessanten Dingen. Sie messen da die Fortpflanzung und Reflexion von Sprengungserschüttterungen im Erdinneren. Die Sprengungen sind in Munster in der Heide, die Beobachtungsstationen im Harz, Eichsfeld etc. Um untereinander in Verbindung zu sein, wollen sie einen Sender bauen, dessen Einrichtung Kühnhold überwacht. Er kann also nachher auf Stelle 900 mit seiner Lisa in Braunschweig sprechen. Das ist doch sensationell!! …

März 1927 Abschluß des Physikums in Göttingen Das erste klinische Semester ab Mai 1927 in München

München, 3. 6. 1927

 … ja, und nun hast Du schon lange mit den seltsamen Bildern geliebäugelt und fragst innerlich ungeduldig nach dessen Schauplatz. Grund zur Eifersucht ist ja wohl nicht da, denn die Hand auf der Schulter der jungen Dame gehört wie ersichtlich zu einem anderen, als dem schrecklich vergnügten dicken Herrn rechts. Daß er so lustig ist, hat wohl seinen Grund darin, daß das Wetter nach trübem Sonntagmorgen noch so schön geworden ist, daß der Starnberger See so grün und klar aussieht, daß er ein gute Gewissen hat (denn er hat zwei Stunden lang – von Starnberg bis fast nach Ammerland kräftig gerudert ist ) und daß er in so fröhlicher Gesellschaft ist, unter der sogar eine junge nicht häßliche Dame aus Amerika ist. Miß Berthy-Boehme aus einer unaussprechlichen Stadt nördlich von San Francisco im Staate Washington, eine Bekannte meiner Freunde, kehrte neulich aus Spanien, Frankreich und der Schweiz zurück und hat sich als durchaus erfreuliche Erscheinung herausgestellt. Freilich – sie ist Lehrerin (für Spanisch, Deutsch und Literatur) – und das ist ja manchmal ein wirklich erfrischende Ausnahme aus der sonstigen Unbeliebtheit des dozierenden Frauenstandes. Manchmal! Aber sie kann so schön von ihren Reisen erzählen, die sie seit einem Jahr in Deutschland und dem angrenzenden Ausland studienhalber macht (in Braunschweig war sie auch), daß es sich in ihrem immer noch etwas unsicheren Deutsch nett anhört. Außerdem läßt sich gut mit ihr umgehen, da sie das natürlich Freie und Sichere ihrer Heimat mitbringt. Sie behauptet, daß ich ganz gut englisch spräche, was mir sonderbar vorkommt, da ich in meinen versuchsweisen Unterhaltungen oft festsitze. Aber es freut mich doch, daß mein privates Interesse mir einen kleinen englischen Wortschatz eingebracht hat, mit dem man zur Not drüben schon durchkäme. Eine meinem Mädchen sicher angenehme Äußerung von ihr war, als mein frisch gewaschenes, reichlich langes Haar in Strähnen vornüber fiel: „Oh, what a very nice blond hair!“

Starnberg 27

Das zweite Bild soll Dir einige meiner Lehrer in den feierlichen Kostümen ihrer Professorenwürde vorstellen. Sie schreiten da nach Fakultäten geordnet in gleichartig schwarzen, aber mit je nach Fakultät verschiedenartigen Aufschlägen versehenen Talaren unter Führung des Dekans zur 100-Jahrfeier der Universität, die im Herbst gefeiert wurde.

Bild 0001

1: Mollier, Anatom (Dekan), 2: Döderlein, Gynäkologe, 3: Müller, Internist, 4: Kißkalt, Bakteriologe, 5: Borst, Pathologe, 6: v. Zumbuch, Dermatologe

 Wenn auch nur klein und undeutlich siehst Du Geheimrat Müller, Döderlein, Borst und einige andere mit denen ich entweder nichts zu tun habe, oder aber bei denen ich ab und zu Kollegs höre. Müller ist wirklich sehr nett und hat mir heute morgen als ich die Pulskurven und graphischen Krankeitsdarstellungen bei meinen Klopf- und Horchpatienten nicht recht lesen konnte, sehr schön und klar ein Privatissimum gehalten. Er ist bei Patienten und Schülern sehr beliebt, während der majestätische Döderlein mit seinem Jupitergehaben und oft komischen Pathos ziemlich belächelt und in Examen gefürchtet wird.

Besuch der Messe „Das bayerische Handwerk“:

Abends dreht ein großer Leuchtturm, der von der Verkehrsausstellung noch steht und eine schöne Sicht auf Stadt und Gebirge bietet, seine Strahlenbündel beleuchten weit hinten die hohen Türme der Stadt. Da könnte man meinen, man sei an einem warmen Abend auf Sylt und nehme das gedämpfte Tönen der Stadt für den Lärm des Meeres. Aber nicht das war das Interessanteste, sondern eine halbe Stunde in dem schönen, kleinen „Künstlertheater“ dort oben, wo ein junger Ungar seine von Berlin und anderen Städte aus bekannt gewordene Farblichtmusik vorführte. Das war etwas, worüber ich schon öfter nachgedacht habe und dem ich nun mit innerer Anteilnahme begegnete, nämlich die Unterstützung und Symbolisierung von Musik durch farbig bewegte Formen und Flächen. Ich weiß nicht, wie Laszló technisch die Frage zu lösen versucht. Der Apparat, der von einem Spieler wie ein Klavier gespielt werden kann und sehr kompliziert sein muß, wirft auf eine Leinwand zu dem begleitenden Spiel des Flügels, schön reine Farben, die sich zu geometrischen Figuren ballen können, dann wieder zerfließen und in ständig bewegtem Wechsel im gleichen Rhythmus wie die Musik weich ineinander übergehen. Laszló spielte z.B. ein Andante, bei dem zuerst aus einem dämmrigen Braun große tropfenartige Gebilde hervortraten und wie in weicher Trauer abwärts rannen, wo ihnen ein Blau wie ein Meer entgegenwuchs. Dann stieg das Blau zu immer hellerem Licht, das sich strahlenartig um einen weißen Mittelpunkt ballte und in langen , dampfartigen Ringen auseinander floß bis ein schweres Rot ruckartig von oben die feinen Formen zerstörte und alles wieder in dem tropfenden Braun verschwand.

Es war wirklich sehr reizvoll zu sehen, mit welcher Freiheit sich all dies bewegte Chaos dann dem klingenden Ausdruck anpassen ließ, wie ersichtlich alle Formen und Farben dem Spieler zu Gebote standen. Wie er spitze, herrische Gebilde gegen sanft schwebende Kugeln vorstoßen lassen konnte und die fremdartige Phantastik dieser ungegenständlichen Kunst das ebenso freiflutende Reich der Musik durchdrang. Wenn auch nicht alles so war, wie ich es als notwendig empfand, so war doch die Gelöstheit und Überzeugungskraft dieser Erfindung ein großer Genuß. Ich wünschte, wir beide könnten ihn einmal zusammenhaben. Ich meine, daß die Farblichtmusik, die nur erste wenige Werke und einen Komponisten hat, eine schöne Zukunft hat. ...

 Das Wintersemester 1927/28 verbrachte Fritz B. wieder in Berlin.

 Berlin-Steglitz 5. 11. 1927

 … In den Vorlesungen bin ich schon mitten drin, obwohl ich noch gar nicht immatrikukiert bin, denn der Andrang ist so groß, daß alle Termine bis zum 14. November schon am Dienstag belegt waren. Wo hin die unzähligen Neustudierenden einmal wollen !!?? Gleich am ersten Tag traf ich Dr. Israel, Frl. Schulze und noch ein paar Göttinger Kollegen sind auch da, ebenso ein Münchner, mit dem ich damals ganz gut bekannt war. An Mitarbeitern und Gesprächspartnern fehlt‘s also diesmal nicht und das macht einem manches leichter.

Gestern war ich in Piscators politisch-radikalem Theater, wo seine verblüffende Regiekunst von einer manchmal phantastisch wirkende Verknüpfung von Film und Bühnenbild aus einem pazifistisch-phrasenhaften Nichts von Ernst Toller etwas recht Interessantes machte. …

Berlin-Steglitz, 15. 11. 1927

 ...In 14 Tagen werde ich zum ersten Mal in eine ärztliche Amtshandlung zu versehen haben, nämlich Kinder zu impfen. 8 Tage später ist dann Kontrolltermin. Ja Fräulein, man kommt in die Jahre! In der Klinik bin ich jetzt noch nicht aufgerufen, glaube aber, in den nächsten Tagen dran zu kommen. Beim Perkussionskurs arbeitete ich heute mit einer Chinesin zusammen mit ihrem Bruder. Sa Yü, glaube ich, heißt sie. Ich habe das Unglück gehabt, bei allen 3 Patienten, die ich bis jetzt untersuchte, schwere, hoffnungslose Fälle zu bekommen, bei denen mir die tröstlichen Versicherungen, die sie von „Herrn Doktor“ hören möchten, ein wenig schwer wurden. Aber ich merke, wie ich nun doch sicherer werde im Umgang mit den armen Menschen, die so leicht durch ein paar persönliche Fragen und Interessebeweise zu erfreuen sind….

 Berlin, 15.2. 1928

...Viel Zeit bleibt ja nun nicht mehr für die Reichshauptstadt, denn das Semester, das scheinbar, kaum erst begonnen, ist in 14 Tagen vorbei. Und ein noch schöneres beginnt! Aber manches von den Sehenswürdigkeiten, die ich noch nicht kannte, hat mir die Fremdenführerwoche mit (Bruder) Wilhelm noch gebracht. So z.B. das Berliner Stadtschloß, ein ungeheuer pompöser Kasten, und eine Sitzung im Reichstag. Durch Herrn Schwarz hatten wir vom Preußischen Staatsministerium sogar Karten zur Reichstagstribüne, wurden ungeheuer höflich von den Dienern wie verkappte Staatssekretäre behandelt und konnten dann anhand uns mitgegebener Karte, Sitzpläne und Verzeichnisse die einzelnen bekannten Abgeordneten im Plenum aufsuchen und so der an sich uninteressanten Debatte über das Mieterschutzgesetz mit Vergnügen an dem so oft in Zeitungen gelesenem Drum und Dran folgen. Gerade unter uns saßen die Kommunisten, die ab und zu „Oberschieber“, „Lügen“ etc. zum Redner hinüber flöteten. Mehrmals erklang die Präsidentenglocke zum Ordnungsruf, eine regelrechte Abstimmung wurde veranstaltet, kurzum es war ein erhebender Augenblick, so als mündiger, voll wichtiger Staatsbürger dem segensreichen Wirken der gut geölten Regierungsmaschine zuzusehen und dabei das stolze Gefühl zu haben: an irgendeinem winzigen Hebelchen liegt auch Deine Hand. Nur sie knarrte ein bißchen, die liebe, gute Maschine …

Hier balgt man sich allabendlich um die letzten Berichte vom Steglitzer Schülermordprozeß, von dem Du wohl auch gelesen hast. Er ist das einzige Gespräch Groß-Berlins. Zweifellos ist das Interesse trotz aller widerlichen Sensationsmacherei und der üblen Wirkung auf manches unreife Gemüt bis zum gewissen Grade berechtigt, denn in dem Wirrwarr jugendlich-überhitzter Knabenphantasien und dem aufglimmenden Triebleben dieser frühreifen Großstadtjugend, dem ersten Naschen an der verbotenen Frucht so typisch und so erschütternd bitter ist, kann jeder ein Stück seiner Jugend wiedererkennen. Und jeder muß fragen: Wie kann solche Tragödie verhütet werden. Es geht Dich, die Lehrerin an und mich , den werdenden Arzt. …

Berlin, 21. 2. 1928

Und nun sollst Du noch ein wenig von meiner Woche hören. Am Freitag war ich bei Piscator im „Braven Soldaten Schwejk“ den Pallenberg virtuos als dumm-pfiffigen Drückeberger und Pazifisten spielte. Aber sonst … Wüste Hetzerei ohne tiefe Hintergründe, Bühnentechnik und verfahrene Tendenz, der man nur ein baldiges Ende wünschen kann. Es ist alles zu knallig und grob und ohne Zukunft.

Dann am Sonntag Mittag im ehemaligen Herrenhaus einer jener öfter veranstalteten Einführungen von jungen und älteren Schriftstellern, die der „Verband deutscher Erzähler“ bewerkstelligt. Diesmal galt es der der literarischen Jugend: Otto Gmelin (des Schauspielers Bruder), Georg v. d. Vring (dessen „Soldat Suhren“ neben „Grisha“ das beste Kriegsbuch ist, Du mußt es lesen!) und Hans Meisel, einem eben erst Aufgetauchten. Jeder hatte einen ??? , der einige Worte zur Einführung sprach: Frank Thieß, Döblin und Jakob Schaffner. Und dann lasen die Dichter selbst und anschließend noch einig namhafte Schauspieler aus ihren Werken. Das war eine interessante Veranstaltung, bei der auch das Milieu interessierte, in dem man manchen bekannten Autor sah. Arnold Zweig war z.B. da.

Gestern Abend war ich in einer sogenannten literarischen Revue, d.h. einem bunten Sammelsurium von mit Witz und Phantasie gemachten Couplets, Szenen und Parodien, das sich „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“ benennt und ganz verständlich wohl nur dem mit Tun, Treiben und Klatsch jener Kreise um den Kurfürstendamm vertraut ist, die sich als „Deutsche Literatur“ fühlen, obwohl vieles wenn nicht das meiste davon im Artistischen steckenbleibt und den jüdischen Intellekt meist nicht verleugnen kann. Aber es war in diesen halb politischen, halb literarischen Glossen viel Amüsantes für den, der immerhin genug von den „Sorgen“ und Bekümmernissen jener Kaffeehausjünger weiß, um manches famos gemacht zu finden. Z.b. eine Elisabeth-Bergner -Kopie, oder die Verhöhnung der Wiener Stimmungslieder etc. Und dazu spielte eine fabelhafte Jazzband, die ich in dieser Vollendung noch nicht gehört habe. Kurzum, trotz mancher Geschmacklosigkeiten und erotischer Grobheiten, die in jener Luft nicht fehlen dürfen, ein nicht langweiliger Abend.

Nun will ich noch zur Neuinszenierung der „Weber“ im Staatlichen Schauspielhaus und vielleicht ins Deutsche Theater zu „Zwölftausend“ (von Bruno Frank)

Fritz B. arbeitet im Sommer 1928 am Städtischen Krankenhaus Braunschweig als Assistent und setzt seine klinischen Semester in Hamburg fort. Sommer 1928 Assistenz in Braunschweig. Das Wintersemester 1928/29 dann wieder in Berlin.

Berlin, 12.11. 1928

 … Er (der Briefschreiber) schwimmt so überaus munter im großen Strom, daß Großstadtmüdigkeit überhaupt „jar nich“ in Frage kommt. Nur, daß er vielleicht noch eine Nuance kritischer dem bunten Tingeltangel Berliner Kunst- und Geisteslebens gegenübersteht. So z.B. fallen ihm sichtlich die Juden auf seine arischen Nerven, die wie schwarzes Unkraut alles bisher blonde Gewächs in Hörsälen und Lehrkanzeln überwuchern. Tatsächlich, das Problem des Antisemitismus ist mir nie so nahe gerückt wie in diesen ersten Tagen beginnender Semesterarbeit und obwohl ich wohl nie zum Hakenkreuzler werde, benimmt mir die Penetranz des semitischen Wesens mitunter ein wenig den Atem.

Aber sonst freue ich mich meiner Tätigkeit, die mich wieder in so viel bessere und fruchtbarere Arbeitsbedingungen bringt, als Hamburg sie bieten konnte…

Berlin, 25.11. 1928

Ich glaube, das wird immer so bleiben: Für den Sonnabend Abend hole ich immer eine gehörige Zahl Schmöker zusammen und da kann die gemütliche Erholung losgehen…

Ich las mit großem Interesse ein selten interessantes und sowohl für Mediziner wie allgemein aufschlußreiches und prachtvoll illustriertes Werk: „Die Bildnerei der Geisteskranken“ (Bildnerei der Geisteskranken: ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung), Berlin, 1922) . Vielleicht kann ich es Dir gelegentlich einmal zeigen. Unheimlich und packend zogen darin zum Urgrund künstlerischen Schaffens, zur primitiven Seele die seltsamen, an aller einfachste Bildwerke der Eingeborenen Asiens und Afrikas erinnernde Malereien und Plastiken der Schizophrenen , denen die Umwelt ein rätselhaften Spiel wird und die aus Gesichtern, Erscheinungen und ihrer eigenen gequälten Seele ein Wahnsystem aufführen, das oft wieder fast geniale Gestalt gewinnt.

Heute Nachmittag war ich zur Besichtigung der größten und mustergültigsten Krüppelfürsorgeheims in Zehlendorf. Es war sehr eindrucksvoll und auch pädagogisch interessant - ich wollte Du wärst dabei gewesen – wie man dort die armen Kinder und jungen Menschen nicht nur ärztlich bessert, sondern ihnen in unglaublich mühseliger, aber auch sehr fruchtbringenden Art Vorbildung für ein Handwerk und damit zum Leben schafft und wie so aus leidenden Menschen mit starkem Minderwertigkeitsgefühl fröhliche, arbeitsame werden. Nächstes Mal gehen wir in das Museum für Frauenkunde, das hauptsächlich auf dem Gedanken des Mutterschutzes aufgebaut ist und von Prof. Liegmann geleitet wird, der unser sexualpsychologisches Seminar führt. (Nächstes Thema dort ist: Ist ein hochwertiges geistiges Schaffen ohne die bewußten Antriebe der Erotik möglich oder ist die asexuelle Psyche mancher großer Denker und Künstler (Kant, Menzel) nur scheinbar frei davon?) Du siehst, wir kommen von sehr praktischen auf sehr theoretische Gebiete. Aber es ist eigentlich immer etwas interessant und merkenswert bei den Diskussionen.

Du hast den „Soldat Suhren“ gelesen und er hat Dir gefallen. Nun werde ich Dir in nächster Zeit als drittes Buch vom Kriege, neben „Grisha“ und „Suhren“ eine Geschichte schicken, die augenblicklich in der „Vossischen“ erscheint und die ich fortsetzungsweise gesammelt habe: „Nichts Neues im Westen“ von Erich Maria Remarque, einem jungen, bisher unbekannten Schriftsteller. Er berichtet darin, durchaus unromantisch, kunstlos und schlicht, aber darum um so aufwühlender von dem großen, grässlichen Erlebnis einer Schar von Schulkameraden, die blutjung in das Morden getrieben wurden, Kriegsfreiwillige. Und trotzdem nirgends die Stimme der Anklage schwillt, wird die vernichtete Jugend dieser Frühgealterten in ihrer Resignation, ihrem Glückshunger, ihrem Heimweh zu einer stärkeren Klage als in den beiden anderen schönen Büchern. Ich habe stellenweise mit größter Ergriffenheit von diesen Schicksalen gelesen, die einem doppelt nahe kommen, weil man um ein Haar in ihrer Mitte selbst gestanden hätte, heimwehkrank wie Paul, der Ich-Erzähler, zynisch-verzweifelt wie wie die Landsknechtsnatur Kats, ironisch-witzelnd wie Tjaden. Eine Schar lebensechter Gestalten sind das, in ihrer derben Natürlichkeit, in der Verschiedenheit, mit der einfache und komplizierte Naturen auf den Krieg reagieren. …

Berlin, 14. 12. 1928

Am Freitag war ich in der „Dreigroschenoper“. Das ist eine seltsame Mischung von Opernparodie, sentimentalem Volksstück und Verbrecher Schauerdramatik, durchsetzt von Jazzrythmen, die Dir vielleicht nicht so gelegen hätten, mir aber wirklich ungeheures Vergnügen machten. Es ist eine Modernisierung eines ganz alten englischen Singspiels, das man im London des 18. Jahrhunderts in den „slums“, den Verbrecher- und Dirnenvierteln zu größten Gaudium jener Zuhörer spielte. Diesem Ursprung verdankt das Stück auch seine heutige Inszenierung, die mit den denkbar einfachsten Mitteln arbeitet, wenn ein Bild vorbei ist, kommen Arbeiter auf die offene Bühne und bauen um, während im Hintergrund die Kapelle mit allem Zubehör Jazz von sich gibt….

 Berlin, 17. 12. 1928

Ja, und sonst war ich also in der „Frau ohne Schatten“, die die Grenze dessen erreichte was man Richard Strauß, der unnachahmlich ruhig und vornehm dirigierte zumuten darf. Aber trotz großer Längen und der wenig flüssigen Handlung hat der Meister des Orchesterklanges soviel funkelnde Musik über den sehr geschickt orientalische Wortpracht und Diktion imitierenden Text geworfen, daß mehr als eine Stelle nachklingt in der Erinnerung . So vor allem der schöne Schluß des ersten Aktes, als der gutherzige, nach Kindern sich sehnende Färber Barak, dem sich sein eitles Weib, das „ihren Schatten“, ihre ungeborenen Kinder verkaufen will, versagte, traurig zum einsamen Nachtlager schreitet. So habe ich denn nicht nur für diesen, sondern für viele Abende mit lautem Beifall gedankt, als der Komponist schlank, leicht gebeugt, auf die Bühne kam und mit ernstem, klugen Gesicht, das dann zu lächeln begann zu den Menschen hinüber sah. Als Abschluß des Strauß Zyklus sehe ich am Donnerstag noch „Intermezzo“, wiederum unter Strauß‘s persönlicher Leitung.

Romeo und Julia“ (Dienstag) fand ich regietechnisch sehr gut, aber Elisabeth Bergner gefiel mir gar nicht, denn ihre Stimme, die doch erschreckend tonlos ist, machte aus der süßen Person eine gequälte Unverständlichkeit.

 Berlin, 19. 1. 1929

Am Geburtstag von Lisa, dem 19. 1., nahm Fritz dies zum Anlaß, eine „Luxustour“ mit feinem Essen und dem Besuch eines kleinen Theaters zu unternehmen. Er spricht von sich in der dritten Person in ironischen Übertreibungen :

Aber dann: Im blauen Anzug und dunklem Überzieher schlenderte er in lässiger, und doch so vornehmer Haltung dem Zentrum der City zu, mit scharfem, weltmännischen Blick die Stätten des Gaumengenusses musternd, die mit Lichterglanz lockten. Aber nichts schien dem geschulten Auge gut genug für diesen Jubeltag, galt es doch u.s.w. Kurz und gut: In dem ältesten und berühmtesten Café Berlins, „Kranzler“, dessen führende Stellung allerdings heute wohl ein wenig durch größere „Betriebe“ zurückgedrängt ist, nahm der Feiernde auf einem Klubsessel Platz und während vom Nebentisch englische Laute ihn umtönten, fand der kleine Genießer bei ausgezeichnetem Kaffee und englischem Plum-Cake mit einem Cherry und einer 10 Pfennigs Zigarette eine Geburtstagskaffeetafel, die sich nur durch allzu starke Betonung männlichen Festpublikums von einer sonst üblichen unterschied. Aber bei Zigarettenrauch läßt sich gut und angeregt denken und plaudern. Und das wurde besorgt.

Bis dann schließlich aufgebrochen wurde und in Anbetracht des scheußlichen Wetters (eigentlich war ein Winterspaziergang geplant) und des noch langen Nachmittags noch ein paar Stunden der geistigen Erholung in der Staatsbibliothek gewidmet wurden. Aber selbst die schwerste Kost, die an dieser Geistesgaststätte für alle Welt gereicht wird, reicht nicht aus, auf die Dauer so einen Nimmersatt den Magen zu füllen. Der meldet sich so um ½ 7 rum und garnicht viel später sehen wir einen jungen Herren gedankenvoll in dem bekannten (und mit Recht gerühmten) Weinrestaurant Kempinski in der Leipziger Straße sitzen und grüblerisch die Riesenspeisekarte betrachten, auf der sich nie gekannte Genüsse zu allerdings stellenweise nie gekannten Preisen anbieten. Aber da fällt sein Blick auf Mimosen, Kinder des Südens, die ihm den Tisch verschönern und im findigen Kombinieren mit der Tatsache, daß die Jubilarin vegetarischen Erlebnissen nicht abgeneigt ist, beschließt der Gast ein Mahl á l‘italienne mit Betonung pflanzlicher Provenienz (!!!). Und so bemerken wir, wie er Langusten und „foie gras auf beleuchtetem Eisblock“ (!?) verächtlich übersehend, dem Kellner diskrete Angaben macht, demzufolge bald ein salatähnliches grünes Gemüse als Vorspeise vor ihm steht, das ganz nett schmeckt und „Artischockenherzen in Öl“ benannt ist. Eine feine Mockturtlesuppe folgt. Schon greift der stille Genießer zum Glase, in dem ein ausgezeichneter Rheinwein leuchtet, sieht irgendwie zärtlich in imaginäre Augen (so scheint es) und hält eine unhörbare kleine Rede, deren Inhalt als bekannt vorausgesetzt erden darf. Und dann erscheint das Hauptgericht, dessen eine Bestandteil allerdings da Botanische verläßt: Maronenpürree mit kalter Schinkenbeilage auf Bozener Art. Und dann das Schönste: Ein wirklich vorzüglicher Kaiserschmarrn mit Rosinen und Mandeln drin und mit einer Menge verschiedener Früchte dazu. Und dann ein Täßchen Mokka und eine gute Zigarette zum letzten Wein – ein leicht bekömmliches, festliches Abendmahl ist zuende.

Sichtlich erwärmt und innerlich erheitert, erhebt sich der Gast (seltsamerweise einen recht ansehnlichen Geldbetrag zurücklassend) und begibt sich mit beschwingtem Fuß in ein kleines, sehr vornehmes Theater, Reinhards „Kammerspiele“, wo man ihm ein kleines Lustspiel französischer Herkunft, eine Literaturkomödie mit amüsanten Bosheiten gegen Verlegermacht etc. serviert. Es heißt „Soeben erschienen“ und unterhält (mehr nicht) sehr nett den auf weichem Sessel behaglich Zuschauenden. Es ist ausgezeichnet inszeniert, u. a. Spielt Herrmann Vallentin einen geschäftstüchtigen, redegewandten Verlegerpapst und einWiener Komiker von erschütternd echtem Humor leise und unbehilflich einen weltfremden Dichterling. Erfreulich anzusehen war außerdem die kapriziöse Gattin desselben, die Klabunds Witwe, Carole Neher, sehr anmutig verkörperte, soweit man bei diesem winzigen Frauenzimmer von Körper reden kann. Und dann fuhr man nach Haus, dachte sich noch ein kleines, munteres Beisammensein bei Tee und ein wenig Licht aus …

 … ein wenig davon fiel auch noch in den Sonntag hinüber, der fröhlich und kurzweilig wurde. Nicht nur davon, daß der Junge nun einmal drin im Stil der Lebemänner nachmittags gegen 4 Uhr plötzlich den Einfall hatte, sich ein wenig „amüsieren“ zu wollen und in den W-Westen fuhr, allwo das „Kabarett der Komiker“ haust, ganz draußen am Kurfürsten Damm – Ich weiß ja wohl, für Dich wäre das nicht ganz das Rechte, aber so‘n Strohwitwer … Und es war auch ganz unterhaltsam. Sie haben da einen hübschen großen Raum, ein richtiges kleines Theater, neue Sachlichkeit natürlich, aber sehr geschmackvoll, da stehen Tische und schöne Sessel und man darf rauchen und Kaffee trinken. Eine recht gute Kapelle spielt (natürlich Jazz) aber es wird nicht getanzt und dann geht so allerhand vor sich, was so den Namen „Kleinkunst“ trägt. Aber nicht à la „Viktoria“ oder so, sondern wirklich mit Humor oder vielmehr Schnoddrigkeit und etwas politischer Satire. Sie haben wirklich Prominente da, z.B. Cläre Waldoff, die ihre Berliner Songs kräht („Hannelore, Hannelore, schöne Maid vom Halleschen Tore“) und Hans Reimann und Max Adalbert, der eine schaurige Beamtensatire spielt. Dazwischen Ziehharmonika Virtuosen, französiche Klavierhumoristen und zwei (angeblich) streitende, einander stets mit größeren Attraktionen überbietende Conferenciers. Freilich – etwas allzu jüdisch ist das Ganze auch, und obwohl im allgemeinen anständiges Bürgerpublikum da war, meistens solide Kaufleute mit ihren „Verhältnissen“ (an meinem Tisch saß auch so ein etwas ältlicher Galan mit einem hübschen und bescheidenen Mädchen), so war ich doch angenehm berührt, als plötzlich zwischen meist schwarzen Bubiköpfen und maniriertem Kleiderplunder ein junges, blondes Ding (so um 20 rum) mit Schnecken (!) und blauem Samtkleid auftauchte. Es ist seltsam, aber mir macht so ein reiner, stiller Ton im wirren Lärm in dieser Stadt immer eine kleine Freude. …

Ich habe mich in der letzten Zeit viel mit Psychiatrie und deren Grenzgebieten, da wo die Welt der Verbrechen anfängt, beschäftigt. Und vielleicht sind darum auch noch zwei minder heitere Erlebnisse der letzten Woche etwas bedeutungsvoller geworden. Das eine war im „Deutschen Theter), wo ich am Freitag den 18. Bruckners „Die Verbrecher“ sah. Es lag sicher weniger an dem Stück, als an der wundervollen Aufführung, in der zwischen vielen guten Gesichtern das rein bäuerlich breite und offene unserer Braunschweigischen Landsmännin Luzie Höflich so strahlend sich abhob. Sie brachte in ihrer wunderbaren Leistung in die stickige und modrige Atmosphäre dieser Welt der Triebe und des Hasses einen reinen Hauch, der von ihrem Sehen nach Mutterschaft ausging und den sie durch Verbrechen und Verrat mitnahm in ihren freiwilligen Tod. In drei Stockwerken spielte sich im Querschnitt rundherum (?) ein Hexensabbat von Gemeinheit und Verirrung, dessen Knäuel die (natürlich) unfähige Justiz nicht entwirren konnte und so auch die Richter zu Verbrechern machte. Kurzum: Viel Tendenz, viel Aufdringlichkeit, viel hohle Logik, aber daneben manche erschütternde Einzelheit. Und bei der Aufführung konnte ja die Wirkung nicht ausbleiben. Und sie war so, wie sie sein sollte: Nachdenklichkeit.

Und aus der Scheinwelt dann in die Realität des rohen Lebens: Ein Blick ins unterirdische Getriebe dieser Stadt, die die Menschen zerbricht, ins blutige Zeichen des Schicksals, ins Leichenschauhaus. Wir waren dort mit unserem Professor, dem rundlichen, vergnügten, originellen Kauz (?) Er führte uns eine gerichtliche Obduktion vor und zeigte uns dann die letzte Station, auf der sie ihren Anschlußzug in die ewige Ruhe erwarten, die Ausreißer vorm Leben oder die im stählernen Räderwerk zermahlenen oder die Opfer einer mörderischen Hand. Eiskalt wehte es von den Wänden dieses unterirdischen Ganges und seine Stille war doppelt grausig wegen ihres Gegensatzes zu dem lauten Leben draußen in der City. Es war nicht das Grauen vor dem Tode, der da hinter eisernen Türen 80 mal in kleinen, eiskalten Kämmerchen hockte, nicht das Grauen vor den weißen, stillen Dingen, die der Wärter herausrollte in das grelle Licht – die sehen wir ja so oft – aber diese da waren irgendwie schuldlos in ein Getriebe geraten, das doch nur Menschen schufen, nicht die Natur selbst, wie die Krankheit, und nun lagen sie da mit zerschossenen Gesichtern, mit scheinbar glühender Haut, vom Gas gerötet, den Hals grauenhaft durchschnitten.Im Bild dieser großen Stadt durfte vielleicht dieser tiefe, tiefe Schatten nicht fehlen, der mir Erlebnis um so inhaltsreicher macht. ...

 Berlin, 24. 2. 1929

 Dies soll nun also wieder einmal der letzte Brief sein, der aus der großen (und trotz allem schönen) Stadt sich hinfindet zu der kleinen in Schnee vergrabenen (Königslutter) . Eigentlich müßte nun eine lehrsame Rückschau auf das Geleistete, Erlebte des Semesters anheben, aber dazu haben wir beide Zeit genug in den 2 Monaten, die jetzt kommen. Jedenfalls: es war gut und lehrreich! Auch die vorletzte Woche Woche davon in mancher Beziehung. Zum Beispiel lehrte sie, bis zu welchem Grade von Unverfrorenheit und langweiligster Impotenz zwei „angesehene“ Bühnenautoren wie Toller und Hasenklever gehen dürfen, wenn sie ihrem Publikum, das ihrer wert ist, eine „Bearbeitung“ von Molières „Bürger als Edelmann“ mit einem zweiten Parallelakt, das Siegfried Jordan-Jourdain als modernen Warenhausbesitzer zeigt, und Max Pallenberg zumuten. Etwas derartig Geistloses und dabei Anspruchsvolles habe ich noch nicht erlebt und gehörig gepfiffen, wobei ich erhebliche Unterstützung fand. „Bourgois bleibt Bourgois“ nennt sich bezeichnenderweise das Machwerk des Lessing(!)theaters, das glücklicherweise in der Presse gehörige Abfuhr fand.

 … Dann ein Besuch in einer veritablen „Schreckenskammer“, so wie sich die rege Phantasie vorstellt, nämlich in dem Kriminalmuseum des Polizeipräsidiums, in dem sich wie eine Höllenphantasie Photografien von allen grausigen Mordtaten dieser Stadt und Preußens neben den oft ehrbaren, lächelnden Bildern der Mörder, darunter Mordinstrumente, blutbefleckte Beweisstücke präsentieren. Man geht weiter zu den Einbruchwerkzeugen und staunt über die oft geniale Phantasie dieser Leute, kommt zu Falschmünzereien, Wilddieben, Taschendieben, Höllenmaschinen, kurz allem Zubehör dieser Unterwelt und landet zuletzt in der Schreckenskammer der Triebe, in der Abteilung der Sittlichkeitsverbrechen, sadistischen Folterkammern und all dem, wozu eine satanische, gequälte Phantasiediese Sklaven der Begierde treibt. Ich muß Dir über alles noch erzählen. Es war eine grandiose Illustration zu meinem Studium über Psychiatrie und Verbrechen. …

 Sommersemester 1929 in Göttingen. Briefwechsel mit Lisa, die im Juli mit Bruder Wilhelm und seiner Verlobten Ilse und der Lehrerkollegin „Nettchen“ Freise eine Italienreise (Rom, Neapel, Capri) unternimmt. Der Briefwechsel wurde nicht transkribiert und befindet sich in einem Fotoalbum der Reise.

Die Flucht aus Berlin:

Braunschweig, 29. 10.1929

Braunschweig !

Es ist schon allerhand, was man mit seinem Boy erleben muß! Aber dies wird selbst Dich Vielerfahrene umwerfen; hoffentlich gelingt es, Dich bald wieder aufzurichten. Also ich bin – auf der Reise nach Göttingen !!!, wo ich meinen Studienlebensabend nun doch verbringen werde. Obwohl ein derartiger Gesinnungswechsel im letzten Augenblick Psychopathologisches streift – es muß eingestanden und darf nicht beschönigt werden. Welche inneren Gründe eigentlich mitgewirkt haben – mir ist es selbst noch nicht ganz klar. Ich weiß nur, soviel, daß ich gestern den ganzen Tag von einer Art Platzangst, einer Furcht vor der Großstadt, einer unwiderstehlichen Phobie fast körperlich gepeinigt wurde, in Berlin umherirrte, und dann alle Motive des Unbewussten über mich Herr werden ließ, als Frau Kothe plötzlich schwer erkrankte (sie will sich nun operieren lassen) und ausriß – vor Berlin und allen seinen Lockungen. Aber Du sollst Dir keine Sorgen machen, es geht mir gut, irgendein Druck ist weg und ich sehe getrost in die Zukunft. Und die ist garnicht so häßlich!! Aber Du mußt über alles bald reden mit Deinem Unberechenbaren.

Ich schreibe Dir sofort!!, und bin auf alles gefaßt, Kopfschütteln, Lächeln, -Schelten!

Göttingen, 31. 10. 1929

Es ist geschehen – und wird nun mit allen Konsequenzen zu tragen sein – ich bin wieder in dem kleinen Nest, das der neugierige Vogel flatterhaft wie immer verlassen wollte. Noch ist der jähe Wechsel nich ganz verwunden, aber hinter Gefühlen und Überlegungen dämmert es doch: Es ist gut so. Eine von den oben erwähnten Konsequenzen wird zunächst sein, daß am Sonnabend eine berufstätige Dame nicht allein nach Hause fahren wird. Sie fährt doch mit dem Triebwagen? Nun, da wird eben am Triebwagen der sein, der eine „Aussprache“ wünscht und Absolution und manches andere. Er wird sich für den entschwundenen (aufgeschobenen!) Spreewald schon zu revanchieren wissen. Und ich glaube auch, den inneren Motiven dieser großen Irrung näher gekommen zu sein. Aber es ist noch ein ganzer Komplex.

Wohnung habe ich gefunden, einstweilen leider nur in der Innenstadt dicht bei der Bibliothek. Das Zimmer ist ganz nett, nur die Straße davor ist häßlich und laut. Aber das ist zunächst zu ertragen. - Ich möchte wissen, ob Du dich schon drein gefunden hast, wieder nach Süden zu denken und ihn zu erwarten, Deinen Göttinger.

Göttingen, 23. 11. 1929

Ja, er hält Wort und bleibt in seiner alten Leinestadt, die er schon so oft untreu verließ und die – trotz mancher Unbequemlichkeiten – für ein Studium und Examen machen doch wohl ganz gut geschaffen ist. Ich habe mich mit vielem schon ausgesöhnt und glaube, daß solch ein letztes ruhiges Semester für die die allzu leicht aufflammenden Zerstreuungsneigungen eines alten Schizotymikers, wie es Dein Liebster nun einmal ist, nur nützlich ist. Man besinnt sich auf vieles, was man an anderen Orten anders sah und im Vergleichen lernt man. Freilich, das Schulmäßige des hieigen Lehrwesens, das merkt man nur allzu deutlich und dagegen rebelliert doch der alte Student recht lebhaft in mir. Aber es ist ja nur kurze Zeit. Seltsamerweise haben die Examensängste sich größtenteils beruhigt, vor allem wiederum unter dem Einfluß mutmachender Erfahrungen, was für Kollegen mitunter mit 1 durchkommen. …

In Göttingen wurde 1930/31 das Studium im letzten Semester mit allen Prüfungen zum Staatsexamen und der Promotion beendet. Der Briefwechsel enthält praktisch nur detaillierte Schilderungen der zahllosen Prüfungen und wird hier auch nicht transkribiert wiedergegeben.

1932-1934 war Fritz B. als Assistenzarzt in Braunschweig und Königslutter tätig. Am 19. Mai 1934 heiratete er Lisa Utermöhlen. Dazu nötig waren bereits die Nachweise einer „arischen Abstammung“. Eine Nachricht dazu von Fritz vom 30. 4. 1934, Braunschweig:

Glaub nicht, daß Heiraten so eine einfache Sache ist: heute bekam ich vom Rathaus die Aufforderung sofort Deine arische Abstammung durch Deine Geburtsurkunde und die Heiratsurkunde der Eltern nachzuweisen. Verhandlungen mit dem zuständigen Herrn und Hinweis auf Deine Beschäftigung im Staatsdienst halfen nichts. Die Urkunden müssen beschafft werden. Ich habe dann im Ministerium versucht eine Bescheinigung zu bekommen, daß Du Beamtin bist und arisch dazu, - das geht nicht !!! Außerdem mußte ich da noch erfahren, daß dem Antrag auf Abfindung meiner arischen Abstammung beigefügt werden muß (Urkunden !!!) Alle Hinweise auf früher geführte Nachweise halfen nichts! Meine Ahnen höre ich im Grabe rotieren, ob all dieser Zweifel. Aber wir müssen als schnellstens die Papiere wieder beschaffen. …